Tatoosh

So., 04.Dez.16, Bonaire, Kralendijk, Tag 918, 8.715 sm von HH

Auch Bonaire wird von Kreuzfahr-Schiffen angelaufen.
Von den „Aidas“ und Gleichartigen. Aber was da am Sonntag-Vormittag auf Kralendijk zukommt ist ein anderes Kaliber. Es ist die Tatoosh.

Diese Privat-Yacht gehört dem Mitbegründer von Microsoft, Paul Allan. Das Schiffchen ist 92 Meter lang und rangiert zur Zeit auf Platz 42 der größten Motoryachten.
Dass es zwei Hubschrauberlandeplätze, ein Motor-Beiboot und diverses Wasserspielzeug wie Jet-Skis und dergleichen gibt, berührt uns nicht. Aber dass die Tatoosh an der Seite Platz für ein Segelschiff unserer Länge hat, das ist ausgesprochen frech.

Ob der kleine Bei-Segler im Kaufpreis von 100 Millionen USD enthalten war, ist nicht herauszubekommen. Durch den eingebauten Kalkstein-Kamin, Hummertank und 30 Mann Besatzung wird jede Seemeile mit Sicherheit zu ‚Erholungstagen auf See‘.

Die Tatoosh ist nur die „kleine“ Yacht von Paul Allan. Da es ihm dort wohl etwas eng wurde, gab es zu Weihnachten noch ein neues Spielzeug: die Octopus (Nummer 14 auf der Liste) mit 129 Metern und integriertem U-Boot. :shock: Sachen gibt’s.

 

Willkommen auf Bonaire

Sa. 03.Dez.16, Bonaire, Kralendijk, Tag 917, 8.715 sm von HH

Bonaire ist eine ‚besondere‘ Gemeinde der Niederlande.
Das merkt man gleich, wenn man sich Bonaire von See annähert. Wenn bei anderen Inseln Stunden vorher ‚Land in Sicht“ gebrüllt wird, so herrscht bei der Anfahrt auf Bonaire betretenes Schweigen…nichts zu sehen. :shock:

Also, wenn der Holländer eins kann, dann Siedlungen unterhalb der Grasnarbe bauen.
So auch auf Bonaire. Keine andere Nation käme auf die Idee so einen Pfannkuchen zu besiedeln.

 

Als wir vom offenen Meer in die Abdeckung der Insel kommen, haben wir göttliche Segelbedingungen. Die zwei-Meter-Dünung fällt spontan in sich zusammen. Der Wind pfeifft weiterhin mit 25 Knoten über die Südspitze. Salzberge, die die höchsten Erhebungen der Insel zu sein scheinen, halten den Wind nicht auf.

Wir müssen das Vorsegel auf die andere Seite bringen und nehmen die Fock dafür.
Das kleine Tuch zieht uns mit 7,5 Knoten dem Ziel entgegen.

Rick von der ‚Duplicat‘ kommt uns schon mit dem Dinghy entgegen, um uns eine freie Mooring zu zeigen und zu helfen. Somit liegt jetzt ein Viertel der Teilnehmer der Nereid’s Rally in Reunion beieinander. Die Segler-Welt ist klein und man trifft sich immer wieder.
Zum Einklarieren muss ich mit.
Üblicherweise übernimmt Achim den undankbaren Job alleine. Häufig sind endlose Formulare auszufüllen. Geduld und eine ‚Jawoll-Herr-König-Haltung‘ an den Tag zu legen, sind dort gut investierte Fähigkeiten. Ich rolle viel zu schnell mit den Augen und ‚darf‘ sonst nicht mit.
Hier will man mich aber persönlich sehen. Also kommt Achim zum Schiff zurück, um mich zu holen.

Das Prozedere fängt gut an. Der zuständige Beamte kommt uns 100 Meter vor dem Gebäude im Auto entgegen. Zum Glück erkennt er Achim und signalisiert ihm: „Bin gleich wieder da“.
Wir meinen fünf Minuten verstanden zu haben. Nach einer halben Stunde kommt er dann tatsächlich zurück.
Mit einer provokanten Langsamkeit steigt er aus dem Auto und kommt auf uns zu. Mein Lächeln und Gruß ignoriert er ohne die Miene zu verziehen.
Okay, mein Gehirn formuliert das erste Mal „Idiot“.
Kurz bevor er uns erreicht, biegt er ab und geht auf die andere Straßenseite, weil er von dort einen Ruf erhält. Er geht zu einem Imbiss-Stand und nimmt zwei Styropor-Kästen mit seinem späten Mittag in Empfang.
Er kommt zu uns zurück, schließt auf, wir bleiben im Vorraum und sehen ihn mit seinem Essen im Hinterzimmer hinter einer Glasscheibe wieder auftauchen.
Dort begutachtet er sein Essen und wählt als erstes einen Sate-Spieß von dem er herzhalft abbeißt.
Kauend geht er in ein weiteres Hinterzimmer. „Großer Idiot“ formuliert mein Großhirn.

Mit Papiertüchern in der Hand kommt er zurück und greift sich nun zwei kleine Mini-Frühlingsrollen. Ich rutsche schon auf meinem Stuhl hin und her und finde den Halbgott sekündlich unausstehlicher.
Da kommt er mit zwei der eingewickelten Rollen auf uns zu und reicht sie uns mit den Worten: „Herzlich willkommen auf Bonaire und guten Appetit.“

Peinlich. Ich hoffe, er kann keine Gedanken lesen und leiste im Geiste ganz doll Abbitte. :oops:

Bonaire ist cool. Nicht nur, dass das Einklarieren nichts kostet, hier gibt es sogar noch einen Snack oben drauf.

 

Tag 3 – Richtung Bonaire

Fr. 02.Dez.16, Karibische See, Tag 916, 8.449 sm von HH
Seit 24 Stunden rasen wir entfesselt dem Ziel entgegen. Der Wind ist konstant bei 20 Knoten und mehr. Dazu noch etwas Stroemung mit uns. Wir kommen phantastisch voran. 145 Seemeilen seit gestern. Zeitweise rauschen wir mit 8 Knoten durch die Fluten.

Unseren Zeitverlust haben komplett wett gemacht – die Hochrechnung besagt nun, dass wir 6 Stunden unter den geplanten 80 Stunden bleiben. :-)

Die Welle hat sich mit dem Wind entsprechend aufgebaut. Die Brecher, die genau von hinten kommen sind okay. Wir werden sanft angehoben und im Wellental wieder abgesetzt. Alle paar Minuten treffen ein paar seitliche Ausreisser auf uns. Die werfen uns heftig auf die Seite und verursachen die so beliebten Roll-Bewegungen.

Unser Weg fuehrt uns heute direkt an vorgelagerten Inseln vorbei, die zu Venezuela gehoeren und absolut einen Zwischenstopp wert sein sollen. Wir haben im Vorwege lange ueberlegt, ob wir das machen sollen. In Venezuela herrscht seit einem halben Jahr Ausnahme-Zustand und das Auswertige Amt spricht ausdruecklich eine Reisewarnung aus. Allerdings seien die ‚Los Roques‘ davon ausgenommen. Es wird von Piraten gewarnt, die an der Kueste ankernde Yachten ausrauben sollen.

Nahrung ist knapp in Venezuela und es waere schoen gewesen, benoetigte Gueter mitzubringen und zu verteilen. Nur wie gerecht kann so eine Verteilung sein? Gibt man einem alles oder vielen nur ein wenig? Die von uns mitgebrachten Mengen waeren stark begrenzt.

Mitgebrachten Reis von 50 kg zu verteilen ist eine Aufgabe, die wir uns nicht zugetraut haetten. In Krisengebieten uebernehmen das Hilfsorganisationen, die fuer eine gerechte Verteilung sorgen koennen. Wir als ‚Laien‘ moechten weder Menschen ungerecht behandeln, noch den Neid oder Zorn Nicht-Bedachter auf uns ziehen. Ein Kilo Reis hat auf dem Schwarzmarkt einen Wert von 200 EUR, so dass allein unser ’normaler‘ Proviant ein kleines Vermoegen wert ist. Das koennte Begehrlichkeiten an der falschen Stelle wecken, die wir nicht einschaetzen koennen. Die Fischer, die auf den ‚Los Roques‘ wohnen, sollen unglaublich freundlich sein, wie uns eine befreundete Yacht vor zwei Monaten berichtete. Trotzdem haben wir uns am Ende entschieden an den schoenen Inseln vorbei zu fahren. :cry:

Tag 2 – Richtung Bonaire

Do. 01.Dez.16, Karibische See, Tag 915, 8.449 sm von HH

Der Tag endet grau, ab und an Nieselregen oder kleine Schauer. Nach Sonnenuntergang ist es stockdunkel, kein Mond, keine Sterne. Wir haben das Gross stark gerefft, aber die Genua ist voll draussen und ausgebaumt. 15 Knoten Wind treiben uns mit Halbwind (direkt von der Seite) harmlos voran.
Ich bin unten im Salon und lese und hoere schon die Veraenderung der Geraeusche im Schiff. Da ruft Achim auch schon nach mir: „komm schnell, Du musst ans Ruder.“
Es reicht grad noch die Regenjacke ( die selbsterverstaendlich griffbreit am Niedergang haengt ;-) ) ueberzuwerfen und die Rettungsweste anzulegen. Da geht es los. Der Wind heult wie ein D-Zug uebers Schiff. 25 Knoten, 30 Knoten, 35 Knoten. Wir muessen uns anschreien. Kommandos, in die falsche Richtung gesprochen, gehen im Laerm unter. Dazu Regen, der waagerecht durchs Cockpit peitscht. Die Sicht betraegt vielleicht noch zehn Meter. Ich aendere den Kurs auf achterlichen Wind, sofort ist mehr Ruhe im Schiff. Wir muessen trotzdem schreien. Es regnet in so unvorstellbaren Mengen, dass die Wellen platt geregnet werden.
Es ist total spooky. Viel Wind macht sofort Windwellen, die unangenehm in solchen Situationen dazu kommen. Heute nicht, das Wasser ist wie ein Brett. Wir donnern mit 8,5 Knoten voran. Von eben auf sofort hat jemand den Turbo angeworfen. Ich halte am Ruder den Kurs, waehrend Achim unser Vorsegel stark verkleinert. Wir koennen zurueck auf halben Wind. Das hat den Vorteil, dass es etwas weniger auf uns herab prasselt. Nach 30 Minuten ist alles vorbei. Abgeknipst. Unvorstellbar.
Wir sind einfach nur froh, ueber unsere Dauer-Entscheidung in die Nacht grundsaetzlich (naja, fast grundsaetzlich) gerefft zu gehen. Zurueck bleiben signifikante Wassermengen im Bad. Durch unser Mikrofenster, was sich im Cockpit am Boden befindet mit Fliegengitter davor. Da kann es eigentlich gar nicht rein regnen. Wir funken mit der ‚Nautilus‘. Die hat es haerter erwischt. Sie hatten beide Segel komplett oben und mussten ganz schoen kaempfen, um ihren Laden in den Griff zu bekommen. Auch fuer die ‚Nautilus‘ kam der Squall unvorhergesehen aus dem Nichts. Der Rest der Nacht und der gesamte zweite Tag sind friedlich. Zeitweise scheint sogar die Sonne.
Wir kommen mit unseren 80 Stunden wohl nicht hin. 34 sind schon aufgebraucht und die Plotter-Hochrechnung verlangt noch weitere 55 Stunden. Das stinkt nach einer Punktlandung mitten in der Nacht.