Archiv der Kategorie: Franz. Polynesien

Aufbruch, aber wohin?

Sa.,13.Jun.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2204, 20.254 sm von HH

Unsere Kreditkarten sind da. Kaum verschickt man etwas mit ‚DHL-Dokumenten-Express‘ und blättert 83 Euro für ein 43 Gramm Paket auf den Tisch, klappt es auch mit der Lieferung. :mrgreen: Genau fünf Wochen hat der Versandt gedauert – in Corona-Zeiten keine schlechte Bilanz. Namentlich wurde Achim am Versorgungs-Schiff aufgerufen und bekam den Umschlag (ohne sich auszuweisen) problemlos ausgehändigt. Geht doch.

Ein Problem gelöst, schon kommt das nächste. Achim hat eine Plombe verloren. Genau aus dem Zahn, der letztes Jahr schon Ärger machte. Zum Glück tut es nicht weh, reagiert nicht auf heiß und kalt, ist aber kein Dauerzustand. Im Medizin-Zentrum hier auf der Insel kann der Arzt nicht helfen. Er hat weder ein Plomben-Notfall-Kitt (wir auch nicht), noch kann er eins in Tahiti besorgen. Nicht lieferbar in Französisch Polynesien. Achim tröstet, dass die Bewertungen über solchen Not-Kitt nicht besonders positiv ausfallen: ‚hält nicht, bröckelt nach kurzer Zeit wieder raus‘. Übrigens, bei echten Zahnschmerzen kann der Arzt auch nichts machen, er verabreicht dann einfach Antibiotika.

Ein „Wander“-Zahnarzt, der die Inseln in den Tuamotu abklappert, soll zur Zeit auf Hao sein. Ein Anruf im Krankenhaus auf Hao bestätigt diese Info. Aber ob der Arzt noch da sein wird, bevor wir Hao erreichen können, ist noch unbekannt. Unter vier Tagen ist die Anreise kaum zu schaffen. Am Montag sollen wir uns noch einmal melden, dann will man uns mehr erzählen.

So wie es aussieht, sind unsere Tage in Gambier gezählt. Aber wollen wir das überhaupt? Nein, wir sind uns einig, wir wollen nicht! Wohin sollen segeln, wenn wir den Zahnarzt auf Hao getroffen haben? Okay, Inseln in den Tuamotu gibt es viele, es liegt nicht an mangelnder Auswahl. Aber nach unserem Rampler mit dem Korallen-Bobbel haben wir ganz schön die Lust an den flachen Sandhaufen verloren. Die Atolle sind gefährliche Mausefallen. Grade letzte Woche sind bei Starkwind in Fakarava wohl zwei Schiffe auf ein Riff gelaufen und gelten als verloren. Die Risiko-Nutzen-Abwägung geht sich aus unserer Sicht nicht aus. Wir würden lieber Richtung Westen segeln, würden Französisch Polynesien gerne verlassen, aber Richtung Westen, da sind noch immer alle Grenzen geschlossen.

Wir sind nicht die einzigen, die es nicht weg zieht hier. Das Atoll leert sich nur zögerlich, vier Schiffe fahren ab, ein neues kommt vom Kontinent wieder dazu.
Abgesehen von der erhöhten Regen-Gefahr und den Starkwind-Phasen gefällt es uns im Winter sehr gut hier. Die Sonne steht tief und verbreitet die ganze Zeit ein traumhaftes Licht – vorbei ist die gleißende Mittagshitze bei der man nicht die Berge hochkraxeln mag. Die Gärten füllen sich mit Gurken und Tomaten. Ich muss meine Ansicht, dass die Einheimischen kein Interesse am Gemüseanbau haben, korrigieren. Sie warten auf den kühlen Herbst und Winter und dann wird angebaut, was die Scholle hergibt. Unsere Wanderungen sind sehr ertragreich. ;-) Ich entdecke fast reife Granatäpfel, Avocados reifen voran und die Mangobäume setzten bereits kleine Früchte an. Das wird in Kürze der Garten Eden hier sein.
Und das sollen wir verlassen? Wir werden sehen, Montag erhalten wir eine Antwort wohin der Zahnarzt weiter ziehen wird.

Unser Ankerplatz – unsere Insel – unsere Wanderstrecken

Gipfelstürmer

Die riesigen Pampelmusen werden wir vermissen

 

 

Faustgroße Schnecken unterwegs

Vier Gurgen und Salat geschenkt bekommen – den Rest haben wir gefunden. Allerdings muss man dafür auch 10 Kilometer laufen

 

Der Winter ist da

So.,07.Jun.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2198, 20.254 sm von HH

Grad liegen wir im Bett, da geht es los: es heult in den Wanten, Wellen klatschen an den Rumpf, irgendwas flappt an Deck. Es heult lauter. Also wieder raus aus der Kiste. Wir hocken im Cockpit und beobachten den Windmesser. Dreißig Knoten Wind, fünfunddreißig, dann achtunddreißig Knoten. Normalerweise ist im Drehbuch bei solchem Wind noch peitschender Regen und stockfinstere Nacht vorgesehen. Diese Requisiten wurden heute zum Glück vergessen. Der (fast) Vollmond beleuchtet durch die Wolkendecke das Ankerfeld. Auch auf anderen Schiffen gehen Lampen an, wir sehen Gestalten an Deck laufen. Vierzig Knoten Wind jetzt … einundvierzig. Atanga legt sich auf die Seite, wir haben Schräglage am Anker. Stehen gebliebene Gläser vom Abend rutschen durch die Pantry. Schauerlich!
Der Ankergrund ist super hier, Achim hat vor ein paar Tagen mal nach dem Anker im Schlamm gesucht. Der war so tief weg, dass er nicht mal den Schaft gefunden hat. Aber man weiß ja nie, es könnte ja auch was brechen und dann whrumm. Viel Zeit zum Reagieren haben wir nicht. Vielleicht eine Minute, vielleicht weniger, direkt hinter uns lauert das Riff. Viele unserer Mitsegler sind draußen im Atoll, Gott sei Dank, das Ankerfeld ist also recht leer. Wir haben kein anderes Boot vor uns, was beim Rutschen Atanga treffen oder ihren Anker mit rausreißen könnte. Aber heute Nacht rutscht keiner, alle Schiffe bleiben an ihrem Platz. Eine Stunde hält der Wind zwischen 35 und 41 Knoten an – Windstärke 8 bis 9. Dann geht er runter auf 30 Knoten. Das fühlt sich an wie Flaute. Wir halten noch drei weitere Stunden Wache, dann können wir um halb vier Uhr morgens endlich wieder ins Bett.

Das war die erste Nacht einer Kette an schauerlichen Tagen und Nächten. Mal regnet es sintflutartig, mal haben wir fünfundzwanzig Knoten Wind ohne Regen. Gefolgt von Flaute mit Regen und dann drückt jemand den Knopf der Windmaschine – wieder dreißig Knoten. Luken auf, Luken zu. Es wird stickig und muffig unter Deck. Nasse Geschirrhandtücher und Schuhe dampfen vor sich hin. Die Luftfeuchtigkeit steht bei 85 Prozent bei 24 Grad Raumtemperatur. Zu kalt für uns. Socken werden her gesucht und Achim schläft mittlerweile unter zwei Wolldecken.

Eben noch Flaute, dann faucht es von einer Minute zur nächsten stundenlang mit über 30 Knoten

Es ist Winter in Gambier. Das Meer hat nur noch 23 Grad. Im Prinzip ist das eine badefähig Temperatur – nach wie vor ist das Meer unsere Dusche. Rein springen, zurück auf die Badeplattform klettern und einen Schups Süßwasser auf die Haare, damit das Shampoo schäumt. Waschen, wieder rein springen und zum Schluss mit Süßwasser abduschen. Die beste Methode, um Wasser zu sparen. Wäre da nicht der Wind-Chill. Brrr. Fünfundzwanzig Knoten Wind auf dem Körper fühlen sich wie Eiswasser an. Wir Weicheier haben jetzt schon angewärmtes Wasser im Bottich. Unter Deck zu Duschen kommt nicht in Frage. Ich will auf keinen Fall diese Feuchtigkeit im Schiff, der Schimmel lauert doch schon in den Ecken, um in Kürze wieder aufzutauchen. Noch zwei Tage soll das furchtbare Wetter anhalten und in zwei Wochen ist Winteranfang. Aber wir wollen nicht meckern. Wir hatten vier Monate am Stück (bis auf eine Woche) traumhaftes Wetter.

Gewartet wird bis zur Flaute mit der Dusche – zur Not auch mal zwei Tage :-)

6 Jahre – 2 Fazits

Mo.,01.Jun.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2192, 20.254 sm von HH

Wie jedes Jahr getrennt von einander geschrieben.

Joachim
Es war ein gemischtes Jahr. Es begann mit einem leichten Rempler, der unsere Zeit in den Tuamotu verkürzte und einem anschließend viel zu langen Aufenthalt auf Tahiti, der im wesentlichen mit Reparaturen und sonstigen Anschaffungen gefüllt war. Fairerweise muss ich noch unsere Zeit in Moorea erwähnen, die durch die Begegnung mit den Buckelwalen unvergesslich wurde.

Als wir wieder unterwegs waren und die Zeit auf den Gambier Inseln genossen, kam Corona, um uns einen Strich durch die 2020er Planung zu machen. Das Ganze erinnert ein wenig an Panama, als der Blitz unsere Pläne änderte. Belohnt wurden wir damals mit einer sehr schönen Zeit in Ecuador, die wir ohne den Blitzeinschlag nicht gehabt hätten. Welche positiven Dinge sich für uns noch aus dem Corona-Überfall ergeben, wird sich zeigen. Wir sind gespannt.

Als Langfahrer sollte man Geduld mitbringen und Zeit. Ereignisse, auf die man keinen Einfluss hat, ändern Pläne ohne Ansage. Es ist also alles normal und prima an Bord. Das Leben geht seinen Gang und wir sind dort Zuhause, wo wir gerade ist. Schön ist es fast überall. Oft gerade dort, wo wir es am wenigsten vermuten. Wir haben uns ja sogar schon ein paar Bauplätze auf Mangareva angesehen …

Sabine
Wir leben in einer verrückten Zeit. Nichts ist mehr so, wie vor ein paar Monaten. Noch immer hat die Corona-Krise die Gesellschaft im Griff. „Alle bekloppt geworden“, hört man ringsumher, „ausschließlich Covidioten und Verschwörungs-Schwurbler unterwegs“. Die Menschheit bestehe nur aus Egoisten, Konsum-Boomern, Faschisten und ätzenden weißen, alten Männern. Besonders die Online-Medien und ihre kommentierenden Anhänger streuen diese Botschaft.

Dabei stimmt das gar nicht. Die Welt ist nach wie vor wunderbar. Nicht ganz so heile und weichgespült wie in ‚unserer kleinen Farm‘. Eher eine Mischung aus ‚desperate housewives‘ und ‚Lindenstraße‘ – schräge Typen gehören zum Leben halt auch dazu. Auf unserer Reise sind uns so viele sympathische Menschen begegnet, dass die paar echten Trottel darunter nicht ins Gewicht fallen. Da ist es an der Zeit mal ‚Danke‘ zu sagen.

Danke an all die Bus- und Taxifahrer, die uns trotz (oder wegen) ihrer Bekreuzigung vor Fahrtantritt sicher ans Ziel gebracht haben. Mit einem unerschütterlichen Glauben an die eigene Fähigkeit. Busse sind für uns Umwege gefahren, beim Trampen hat man uns bis vor die Haustür gebracht. Mitreisende Passagiere haben uns die richtige Stelle zum Austeigen gezeigt. Unser Gepäck wurde uns stets abgenommen und über ganze Busbahnhöfe geschleppt.

Danke an die vielen Passanten, die ihre Arbeit unterbrochen, ihr Ladengeschäft verlassen haben, nur um uns den richtigen Weg aus ihrem Städtelabyrinth zu zeigen. Die Menschen, die uns etliche Häuserblocks begleitet haben, nur damit wir den richtigen Abzweiger nicht verpassen. Auch an diejenigen ein Dank, die uns in die Irre geführt haben. Ihr habt es zumindest versucht.

Die Gerüchte über Behördenwillkür, Amtsmissbrauch, Korruption und Schikane durch Offizielle, alles Gerüchte. Wir wurden stets mit Freundlichkeit und korrekt behandelt. Erst zweimal hatten wir überraschend Besuch auf Atanga für eine Überprüfung. Beide Erlebnisse sind uns in positiver Erinnerung. Ein Dankeschön an die Beamten dieser Welt. Nur an der Erreichbarkeit eurer Büros könnt ihr noch arbeiten. Unvergessen ist der stundenlange Staffellauf auf Curacao durch die halbe Stadt.

Wir sind von wildfremden Menschen bewirtet worden, haben Geschenke bekommen und wurden ins Haus gebeten. Neugierig sind die meisten Menschen auf uns. Ohne Berührungsängste wegen Hautfarbe, Herkunft oder Stand.  Woher, wie lange, das erste Mal im Land, Name, Anzahl der Kinder … der typische Fragenkatalog. Ein Dankeschön für euer Interesse an uns, dass wir so willkommen sind.

Danke an Atanga – du tapferes kleines Schiff. Dem Blitz haben wir dich ausgesetzt und an der Koralle entlang geschrappt. Sorry dafür. Du bist trotzdem unser zuverlässiges Zuhause.
Danke an den Skipper an Bord, den Wasser-Schlepper und den Eier-Koch. Danke, dass ich die Reise mit Dir unternehmen darf. Danke an das Leben. Danke für sechs herrliche Jahre.

Atanga am Tag der Abreise – geschmückt unter typisch grauem Hamburg-Himmel

Atanga sechs Jahre später auf der anderen Seite der Welt

Stell dir vor, man darf wieder segeln und keiner fährt los

Do.,28.Mai.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2188, 20.254 sm von HH

So in etwa muss man sich die Situation in Gambier vorstellen. Seit einer Woche ist der ‚Inter-Island-Travel‘ wieder erlaubt. Zwischen den Archipel-Gruppen darf uneingeschränkt gesegelt werden, hat die polynesische Regierung beschlossen. Halt, uneingeschränkt? Nein, ganz so einfach ist es nicht. Es heißt, dass man in den Tuamotu vor der Ankunft in einem Atoll beim Bürgermeister melden soll, ob man seine Insel anfahren darf.
Ein großer Teil der Segler in Gambier hat keine Lust 450, 500 oder 600 Seemeilen zu segeln, um dann vor verschlossener Tür zu stehen: „du kommst hier nicht rein!“ Dieser Teil lehnt sich zurück und lässt erst mal die ‚Pioniere‘ lossegeln und wartet auf deren Berichte. Ein Drittel der Crews vor Ort gehört zur Gruppe ‚der nicht offiziell Einklarierten‘, die Boote, die nach dem Lockdown noch hier angekommen sind. Für die heißt es immer noch behördlich angeordnet, dass sie direkt nach Tahiti müssen, gehe nicht über die Tuamotu. Viele dieser Segler haben bei der Einreise Reparaturen genannt, die sie an der Weiterreise nach Tahiti hindern, da wäre es nun unglaubwürdig, wenn diese Schiffe in den Tuamotu kreuzen würden. Eine Zwickmühle.
Für eine kleine Gruppe von fünf, sechs Schiffen ergibt sich Morgen oder Übermorgen ein Wetterfenster, so dass diese Gruppe als die ersten Pioniere los segeln wird.

Und was ist mit uns? Wir waren mal wieder besonders schlau. In Angesicht der Tatsache, dass wir ab September nur noch eine gültige Kreditkarte haben werden, dachten wir, wir lassen uns die zwei Karten zuschicken, die zu Hause auf dem Schreibtisch liegen, während wir sowieso nicht weiter dürfen. Die Karten sind seit drei Wochen als Dokumentenversand in der Welt unterwegs: Hamburg => Leipzig => USA => Australien => Neuseeland. Gestern sind sie in Papeete angekommen. Leider erlaubt ‚unser‘ Bürgermeister noch keine Flüge nach Gambier, somit wird die Post mit dem Versorgungs-Schiff hierher transportiert … das Mädchen in der Post hat gleich gesagt, es dauert drei Monate bis unser Brief hier sein wird. :mrgreen:

Es ist voll geworden in Gambier. Es stauen sich die Schiffe. Seit Monaten durfte kein Segler die Inselgruppe verlassen, aber aus Südamerika kamen fast täglich noch Schiffe eingetrudelt. Somit sind wir fast vierzig Boote in Gambier. An Tagen mit ruhigem Wetter verteilen sich die Boote auf verschiedene Ankerplätze an den Inselchen – den Motus – am Außenriff. Dann ist alles gut und friedlich. Bei schlechtem Wetter kommen fast alle Schiffe zum Hauptankerplatz nach Rikitea, weil es auf den Motus keinen richtigen Schutz vor dem berüchtigten Süd-Ostwind gibt. Rikitea bietet nicht genug Platz für so viel Schiffe. Das Wasser ist tief – im Mittel 17 Meter – so dass alle viel Kette gesteckt haben. Siebzig Meter sind die Regel.
Unser Nachbar schwoit anders als wir, weil er mit dreißig Meter Kette (viel zu wenig) und siebzig Meter Leine ankert. Die ganze Nacht sitzt er mit seinem Pickhacken an Deck und stupst Atanga bei Berührungsgefahr zur Seite. Achim kriegt ebenfalls kein Auge zu, obwohl der Nachbar tapfer die ganze Nacht Wache geht.
Bei jedem Windwechsel wird umgeankert, weil Schiffe aufs Riff zu schwoien drohen. Jedes Boot versucht sich noch irgendwo dazwischen zu quetschen. Ein kleiner Alptraum. Die brenzligen Situationen häufen sich. Eine große Motoryacht kommt einem Franzosen zu nahe. Das Motorboot ist unbemannt und droht den Segler beim nächsten Winddreher wegzufegen. Schnell kommen von anderen Booten die Schlauchboote zur Hilfe und versuchen das Segelschiff zu schützen bis der Eigner wieder an Bord ist und seinen großen Kahn umankern kann.

Dicht gepacktes Ankerfeld – zu dicht

Wenn das Versorgungs-Schiff kommt, folgt der nächste Alptraum. Wie die Heuschrecken stürzen sich fast alle Crews in die Läden. Sie kaufen, hamstern, bunkern und lassen die Kreditkarte krachen. Die nicht so zahlungskräftigen Einheimischen können da nicht mithalten. Sie bekommen nur einmal in der Woche ihren Lohn. Vom letzten Versorgungs-Schiff soll subventioniertes Mehl verkauft worden sein. Fünfundzwanzig Kilo für sensationelle sechs Dollar. Und günstiges Bier soll es gegeben haben, statt siebzig nur fünfzig Dollar für die Palette. Normalerweise soll ein Gendarm bei solchen Verkäufen Wache stehen, der hat aber wohl durch Abwesenheit geglänzt. Ich glaube, dass weder Mehl noch Bier bei den Einheimischen angekommen sind. Zu schnell ist die Seglergemeinde. Über Funk werden die Nachrichten blitzschnell verteilt und schon düsen die ersten Dinghies an Land. Es sind definitiv zu viele Segler hier, die die Läden leer kaufen. Ein hässlicher Nebeneffekt der Corona-Krise. Es ist an der Zeit, dass sich der Segelboote-Stau auflöst und sich die Segler auf weitere Atolle verteilen.

Speiseplan-Erweiterung

Sa.,23.Mai.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2183, 20.254 sm von HH

Das Versorgungs-Schiff kommt alle drei Wochen und bringt Möhren und Kohl. Kohl und Möhren. Kartoffeln (übrigens 250 USD der Zentner :lol: – das erzähl mal den Deutschen Bauern) sind dabei, Zwiebeln und Knoblauch. Das war’s an frischem Gemüse. Das Schiff bringt Äpfel (2 USD/Stück) und manchmal Birnen oder Orangen. Das war’s an frischem Obst.
Das mit dem Obst ist nicht so schlimm. Die Pampelmusen-Bäume haben Saison und die Bäume hängen bis zum Überfluss voll. Ein kleiner Spaziergang und man findet garantiert einen Baum, der niemandem gehört. Verfaulte Früchte unterm Baum sind das sichere Zeichen. Bananen gehören immer jemandem, aber wir können ganze Stauden kaufen. Für zehn Dollar bekommen wir eine „kleine“ Staude, mit 80 bis 100 Bananen. Natürlich sind alle zur gleichen Zeit reif, so dass nur eine Woche bleibt zum Vertilgen. Unmöglich zu schaffen, also teilen wir uns neuerdings immer eine Staude mit anderen Schiffen.

Das fehlende Gemüse ist schön etwas blöder. Die Einheimischen legen nicht viel Wert auf Grünkram. Nur in wenigen Gärten sieht man, dass überhaupt Gemüse angebaut wird – mal ein wenig Salat oder auch ein paar Kohlköppe. Wir ziehen also unsere Kreise über die Insel auf der Suche nach Essbarem. Keinen Weg, den wir noch nicht gegangen sind. Und wir werden fündig: Kürbis, Chili, Papaya und Sternfrüchte wandern in die Pantry. Außerhalb vom Dorf braucht man sich nur bücken und einsammeln.

Selten hängen Papayas in Pflück-Höhe

Da wusste Achim nicht, dass Kammerad Tausendfüßler auf ihn wartet- er dürfte so 15 Zentimeter lang sein

Unsere Kreise werden größer. Je weiter wir uns vom Dorf entfernen, desto freundlicher werden die Menschen. Wir treffen auf die legendäre polynesische Gastfreundschaft. „Hallo“, werden wir angerufen, „kommt mal her. Wollt ihr Zitronen?“ Klar wollen wir – sehr gerne. Während der älteste Sohn vom Papa zum Pflücken abgeordert wird, reicht uns die Hausfrau einen kalten Saft zur Erfrischung. Wir werden gebeten auf der Terrasse hinter dem Haus Platz zu nehmen. Woher wir kommen, wer wir sind, möchte man von uns wissen. Ach, irgendwie klappt es doch immer mit der Verständigung. Mit Zitronen und Gurken (sabber – die ersten Gurken seit fünf Monaten) beladen, ziehen wir weiter. Für so viel Freundlichkeit wollen wir uns revanchieren. Wir bringen ein paar Tage später einen selbstgebackenen Kuchen zur Familie. Man freut sich, posiert gerne fürs Foto und eine weitere Gurke wandert in unseren Rucksack.

 

Großzügige Gastgeber

Auf jeder Wanderung fällt uns etwas zu: Ein Opa schenkt uns Spinat, eine Mutter Passionsfrüchte. Manchmal finden wir selber einen herrenlosen Zitronenbaum. Dutzende Früchte liegen duftend unter dem Baum. Ein Typ, der uns Picknick machen sieht, verschwindet im Wald und erscheint mit einer langen Stange mit der wir Papaya vom Baum stoßen dürfen. „Bedient euch“!

Zum Teil schwer beladen kommen wir von unseren Streifzügen heim. Okay, manchmal verbrauchen wir wahrscheinlich mehr Kalorien auf zehn Kilometer Wanderung als wir nach Hause tragen. Die besten Sachen wachsen nicht eben um die Ecke, meistens müssen wir die Berge hoch und wieder runter auf die andere Seite der Insel. Aber für die Abwechslung in der Küche ist es allemal gut. Das sind die wirklich schönen Momente auf unserer Insel.

Oh, süße Südsee

Tag 1 – Passionsfrucht Minze Sternfrucht Zitronen Papaya

 

Tag 2: Kürbis, Gurken und Chili