Archiv der Kategorie: Auf See

Tag 3 nach Tahiti: Besser, viel besser!

Sa., 08.Aug.20, Pazifik, Tag 2260, 20.653 sm von HH
Objektiv betrachtet sind die Bedingungen schlechter als an den ersten beiden Tagen. Trotzdem ist die Laune um Klassen besser. Immer wieder erstaunlich, wie der Koerper an Tag drei seinen Widerstand gegen gute Segelstimmung aufgibt. Der Wind blaest jetzt dauerhaft mit sechs Windstaerken. Noch immer schraeg von hinten. Die Welle hat wohl an die drei Meter und trifft aus aehnlicher Richtung auf uns. Das Wellenbild ist konfus, die Intervalle kurz, daher werden wir ganz schoen geschuettelt, aber ohne zu rollen. Nur ab und an gibt es einen Druecker, der uns hart auf die Seite legt. Wir laufen wie am Schnuerli-Band direkt aufs Ziel. Keine Patzer mehr durch unsere Wind-Herta. Die leicht gereffte Genua und das Gross im zweiten Reff passen gut zum Wind und Kurs.
Auch ist der mitteleuropaeische Hygienestandard wiederhergestellt – wir haben geduscht. Kein Vergnuegen mit Wind direkt aus der Antarktis. Brrr. Die Wassertemperatur hat allerdings bereits um zwei Grad zugenommen. Der kalte Meeresarm, der Gambier umschlingt, ist nach Westen abgeknickt. Genau, wie die Literatur es beschreibt. Also nur noch ein paar Meilen und wir haben wahrscheinlich wieder tropische Temperaturen an Bord.
Tag 3: 125 Meilen
Rest: 525 Meilen

Tag 1+2 nach Tahiti: Mimimi

Do/Fr.,06./07.Aug.20, Pazifik, Tag 2258/9, 20.528 sm von HH
Wir sind flott unterwegs, zeitweise rauschen wir mit sieben Knoten voran. Bereits im Atoll koennen wir Segel setzten, die Sonne scheint, ein paar Passatwolken ziehen am Himmel. In der Nacht leuchtet uns ein noch fast runder Mond den Weg. Es ist perfekt, aber an Bord hoert man nur ‚mimimi‘! Wir haben die ‚Segeln-ist-doof-an-den-ersten-beiden-Tagen-Brille‘ auf.
Das Schiff wackelt zu sehr, es ist zu anstrengend und wir schlafen zu schlecht. Gejammer und Wehklagen aus allen Rohren. Ist es noch weit? Sind wir bald da?
Und es ist zu kalt. Mimimi!
Obwohl das mit der Kaelte stimmt, muss man zu unserer Verteidigung sagen. Doppel-Fleece-Jacken plus Faserpelz-Hose plus Socken, anders ist es im Cockpit nicht auszuhalten – da kann man schon mal greinen. Der Wind kommt schraeg von hinten. Mal mit acht Knoten, mal mit zweiundzwanzig Knoten. Uns waren fuenfzehn Knoten im Durchschnitt vorhergesagt worden, aber doch nicht so. Gleichmaessig fuenfzehn Knoten, so hatten wir es bestellt. Diese harten Wechsel stellen die Windsteueranlage – Herta – vor ein Problem. Ab zwanzig Knoten fangen wir an aus dem Ruder zu laufen, luven viel zu stark an, legen uns mit Vollzeug hart auf die Backe. Extrem mimimi!
Statt traege in der Ecke zu liegen, muessen wir haendisch dem Ruder und Herta helfen. Dazu haben wir nun gar keine Lust. Schon gar nicht nachts, wenn es so richtig bitterkalt draussen ist. So hatten wir uns die Segelei nach einem halben Jahr nicht vorgestellt. Also wird getrimmt, was das Tuch hergibt: wir reffen das Gross, wir holen das Gross dicht, wir reffen mehr. Das kostet uns Geschwindigkeit. Das gefaellt uns auch nicht. Wieder mimimi. Hoffentlich ist bald Tag drei!
Tag 1: 150 Meilen (wow!) Tag 2: 124 Meilen
Rest: 650 Meilen

Der Winter ist da

So.,07.Jun.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2198, 20.254 sm von HH

Grad liegen wir im Bett, da geht es los: es heult in den Wanten, Wellen klatschen an den Rumpf, irgendwas flappt an Deck. Es heult lauter. Also wieder raus aus der Kiste. Wir hocken im Cockpit und beobachten den Windmesser. Dreißig Knoten Wind, fünfunddreißig, dann achtunddreißig Knoten. Normalerweise ist im Drehbuch bei solchem Wind noch peitschender Regen und stockfinstere Nacht vorgesehen. Diese Requisiten wurden heute zum Glück vergessen. Der (fast) Vollmond beleuchtet durch die Wolkendecke das Ankerfeld. Auch auf anderen Schiffen gehen Lampen an, wir sehen Gestalten an Deck laufen. Vierzig Knoten Wind jetzt … einundvierzig. Atanga legt sich auf die Seite, wir haben Schräglage am Anker. Stehen gebliebene Gläser vom Abend rutschen durch die Pantry. Schauerlich!
Der Ankergrund ist super hier, Achim hat vor ein paar Tagen mal nach dem Anker im Schlamm gesucht. Der war so tief weg, dass er nicht mal den Schaft gefunden hat. Aber man weiß ja nie, es könnte ja auch was brechen und dann whrumm. Viel Zeit zum Reagieren haben wir nicht. Vielleicht eine Minute, vielleicht weniger, direkt hinter uns lauert das Riff. Viele unserer Mitsegler sind draußen im Atoll, Gott sei Dank, das Ankerfeld ist also recht leer. Wir haben kein anderes Boot vor uns, was beim Rutschen Atanga treffen oder ihren Anker mit rausreißen könnte. Aber heute Nacht rutscht keiner, alle Schiffe bleiben an ihrem Platz. Eine Stunde hält der Wind zwischen 35 und 41 Knoten an – Windstärke 8 bis 9. Dann geht er runter auf 30 Knoten. Das fühlt sich an wie Flaute. Wir halten noch drei weitere Stunden Wache, dann können wir um halb vier Uhr morgens endlich wieder ins Bett.

Das war die erste Nacht einer Kette an schauerlichen Tagen und Nächten. Mal regnet es sintflutartig, mal haben wir fünfundzwanzig Knoten Wind ohne Regen. Gefolgt von Flaute mit Regen und dann drückt jemand den Knopf der Windmaschine – wieder dreißig Knoten. Luken auf, Luken zu. Es wird stickig und muffig unter Deck. Nasse Geschirrhandtücher und Schuhe dampfen vor sich hin. Die Luftfeuchtigkeit steht bei 85 Prozent bei 24 Grad Raumtemperatur. Zu kalt für uns. Socken werden her gesucht und Achim schläft mittlerweile unter zwei Wolldecken.

Eben noch Flaute, dann faucht es von einer Minute zur nächsten stundenlang mit über 30 Knoten

Es ist Winter in Gambier. Das Meer hat nur noch 23 Grad. Im Prinzip ist das eine badefähig Temperatur – nach wie vor ist das Meer unsere Dusche. Rein springen, zurück auf die Badeplattform klettern und einen Schups Süßwasser auf die Haare, damit das Shampoo schäumt. Waschen, wieder rein springen und zum Schluss mit Süßwasser abduschen. Die beste Methode, um Wasser zu sparen. Wäre da nicht der Wind-Chill. Brrr. Fünfundzwanzig Knoten Wind auf dem Körper fühlen sich wie Eiswasser an. Wir Weicheier haben jetzt schon angewärmtes Wasser im Bottich. Unter Deck zu Duschen kommt nicht in Frage. Ich will auf keinen Fall diese Feuchtigkeit im Schiff, der Schimmel lauert doch schon in den Ecken, um in Kürze wieder aufzutauchen. Noch zwei Tage soll das furchtbare Wetter anhalten und in zwei Wochen ist Winteranfang. Aber wir wollen nicht meckern. Wir hatten vier Monate am Stück (bis auf eine Woche) traumhaftes Wetter.

Gewartet wird bis zur Flaute mit der Dusche – zur Not auch mal zwei Tage :-)

Aktion im Ankerfeld

Sa., 15.Feb.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 2085, 20.238 sm von HH

Es ist halb fünf Uhr morgens (natürlich ist es so früh – nie passieren solche Dinge am Tag) als wir aufwachen. Es donnert und blitzt fast zeitgleich. Die Regenabdeckung über den Luken peitscht im Wind. Der Wind heult. Viel Wind. Wir springen ins Cockpit, schnell die Schwerwetter-Regenjacke über den Schlafanzug gezogen. Erst mal orientieren. Das ist nicht so einfach. Die Sicht beträgt kaum hundert Meter. Es dämmert zwar schon leicht, aber der Regen nimmt den Überblick. Sobald man hinter der Sprayhood hervorguckt, trommeln die Regentropfen wie Nadelstiche ins Gesicht.
Liegen wir noch an unserem Platz? Ja, bei uns ist alles okay. Aber was machen die anderen Boote? Die Böen fegen über den Ankerplatz, Winddreher inklusive. Alle Schiffe tanzen an ihrer Ankerkette, drehen mal hierhin, mal in die andere Richtung. Der Franzose (!), der gestern direkt vor uns den Anker geworfen hat, kommt unangenehm nah. Ist da überhaupt jemand wach? Misstrauisch äuge ich zu ihm rüber. Wir könnten fast zu ihm über steigen. Ich sehe zwar die Lichter seiner Instrumente, kann aber keinen Menschen entdecken.
„Ach, du meine Güte“, Achim entdeckt den großen Alukahn zuerst. Mit gestreckter Ankerkette pflügt er an unserer Backbordseite vorbei. Knapp vor einem kleinen Einhandsegler-Boot bekommt der französische (!) Skipper seinen Dampfer aufgestoppt. Der junge Mann wedelt mit einer Taschenlampe Alarm und wischt sich den Angstschweiß von der Stirn. Die französische Crew versucht ihr Schiff auf der Stelle zu halten und ihren gerutschten Anker einzuholen. Sobald Atanga von den Böen zur Seite gedreht wird, kommen wir uns bedrohlich nah. Achim klappt schnell das seitliche Solarpanel ein. Dann endlich! Die Mannschaft hat den Anker an Bord und sucht sich einen neuen Ankerplatz. Eine halbe Stunde später hat sich auch das Gewitter verzogen.

Unser französcher Nachbar rückt uns auf die Pelle

Zwei Schiffe werden auffällig, zweimal sind es Franzosen. Wenn das kein gefundenes Futter ist; ideal für ein gepflegtes Bashing – öffentliches Beschimpfen – wie es heute auf Neudeutsch heißt: die schlechtesten Ankerer sind und bleiben die Franzosen.
Du sieht wie jemand verhaltensauffällig in ein Ankerfeld gefahren kommt? Zum Beispiel unter Segeln bis auf fünfzehn Meter an anderen Schiffen vorbei ziehen. Es ist garantiert ein Franzose.
Eine Crew wirft ihren Anker und sitzt zehn Minuten später in ihrem Dinghy und geht (ungeachtet der Windverhältnisse) auf Landtour? Es müssen Franzosen sein.
Französische Crews fahren ihren Anker auch nicht ein. Niemals. Als ob es ein französisches Gesetz gäbe, was dies verbietet. Warum sie maximal zwanzig Meter Kette werfen, ist uns bis heute nicht klar. Haben französische Schiffe nicht mehr Kette dabei? Oder gibt es einen bösen Zauber, der sie verhext, wenn sie mehr Kette auslassen würden?
Ein Ankerplatz ist leer, es ist genug Platz für alle da und du hast trotzdem plötzlich so nah einen Nachbarn, dass du Fender raushängen möchtest? Dann ist dein Nachbar Franzose! Sie lieben es möglichst eng bei anderen Schiffen zu parken.
Haben nur wir die Vorurteile (die ja keine sind ;-) ) gegen Franzosen? Nein, wir kennen kaum ein deutsches (kennen wir überhaupt eins?) Schiff, was sich nicht am Franzosen-Bashing beteiligt. Gibt es schlicht weniger Deutsch-Französischen Freundschaft, als die Politik sich das wünscht? Nein, das ist zu einfach gedacht, auch andere Nationen ziehen mit Genuss über ‚La Grande Nation‘ her.
Unser panamaischer Advisor im Panama-Kanal: „Ich mache diesen Job seit zwanzig Jahren. Und ich mache ihn gerne. Wenn es mal Probleme gibt, dann mit Franzosen. Sie wissen einfach alles besser und sie hören nicht darauf, was man sagt.“
Der langjährige polynesische Mitarbeiter in der Marina in Papeete: „Alle Nationen sind in Ordnung. Ärger habe ich nur mit Franzosen.“
Und ein Schweizer Mitsegler erzählte uns: „Wenn du versuchst einem Franzosen zu sagen, dass er scheiße ankert und er viel zu nah an dir dran hängt, wird er auf seiner Meinung beharren und dich anpöbeln ‚Lecko mio ganz gepflegt an my asshole“.
Hat früher die Piraten-Flagge Angst und Schrecken verbreitet, so ist es heute die Trikolore im Ankerfeld. So hat jede Zeit ihre Geißel. :-)

 

Gambier – die Ankunft

Mo., 03.Feb.20, Pazifik, Tag 2073, 20.238 sm von HH
Gambier empfaengt uns mit einem traumhaften Sonnenaufgang ueber den Inseln. Morgens um halb fuenf laufen wir ein. Die Nacht haben wir vor der Kueste mit sinnlosen Kreuzschlaegen verbracht, um, die Zeit tot zu schlagen. Hinter der breiten Passeinfahrt, ohne nennenswerte Stroemung, oeffnet sich das Atoll wie ein Kessel. Am Kesselrand sitzen die vierzehn Gambier-Inseln. Der Eindruck stimmt – die Inseln sind die verbliebene Kante eines versunkenen Vulkankraters. Der Empfang troestet fuer einen Toern, den wir nicht mochten. Die Bedingungen waren moderat, aber wir haben keinen Rhythmus gefunden. Haben beide schlecht geschlafen, trotz schuettelfreiem Schlafwagen-Komfort. Der Toern fuehlte sich ‚eckig‘ an, obwohl er rund lief.
Der erste Teil der Strecke – bis nach Hao – hat uns besser gefallen, obwohl er hundert Meilen weiter war. Von Tahiti bis Gambier sind es 1.162 Seemeilen hoch am Wind gewesen. Mal wieder hoch am Wind, muss ich sagen. Wie oft sind wir jetzt schon gegen den Wind gesegelt? Viele Meilen. In Segelgruppen gibt es immer mal wieder Diskussionen, ob man einen Windgenerator an Bord benoetigt. Nicht wenige behaupten, der sei ueberfluessig, weil er nichts bringen wuerde, da man ja sowieso nur ‚down wind‘ segeln wuerde. Tja, Freunde der Sonne, so kann man sich irren. Die ‚Science-Busters‘ bringen es auf den Punkt: „Wer nichts weiss, muss alles glauben!“
Jetzt sind wir also da. Der erste Squall mit reichlich Regen in seiner Wolke ist auch schon ueber uns gerollt. Prima Sache. Das Schiff ist entsalzen und der Anker schoen eingegraben. Wir liegen vor dem ‚Magazin JoJo‘, dem besten „Supermarkt“ der Insel. JoJo hat neben Grundnahrungsmitteln und einer kleinen Snack-Bar einen Internetzugang. Das Passwort ist noch das gleiche wie vor zehn Monaten. Manche Dinge im Leben aendern sich halt nie. ;-) Somit haben wir Internet an Bord, was zumindest fuer what’s app und ’slow-surfen‘ reicht. Zum Bloggen mit Bildern reicht es leider nicht, dafuer muss man bei JoJo sitzen. Heute bleiben wir an Bord, machen das Schiff wieder schick und freuen uns auf Gambier.