Archiv der Kategorie: Auf See

Tag 2 nach Ecuador – Wenn der Himmel brennt

So., 03.Juni 18, Pazifik, Tag 1463, 12.736 sm von HH, etmal 78
Sir Francis Drake, der anhand der Logbücher von Fernando Magellan als zweiter Entdecker den Erdball umsegelte, sah die Sache mit dem Pazifik anders. Er fand, dass der Name ‚Mare Furiosum‘ -der Aufgebrachte- die passendere Bezeichnung sei. Seit letzter Nacht wissen wir, wie er das meinte. Es beginnt alles ganz friedlich. Den ganzen Tag ziehen wir mit guten 3,5 Knoten unsere Bahn in genau die gewünschte Richtung. Der Wind kommt über Stärke drei nicht hinaus, so dass wir mit dem Ergebnis mehr als zufrieden sind. Zur Dunkelheit bricht dann die totale Flaute über uns ein. Erst lassen wir uns noch ganz tapfer von der Strömung treiben. Wir schaffen drei Meilen in zwei Stunden. Wir werfen entnervt doch die Maschine an. Zum Beginn meiner Nachtwache, um 22:00 Uhr, ist ein zaghafter Wind zurück. Wir entscheiden uns gegen den Blister (wir haben noch immer Schiss bei Nacht mit diesem Teil zu segeln) und setzen Groß und Genua. Das Tuch der Genua ist deutlich schwerer, trotzdem steht das große Segel.
Mit mickrigen vier Knoten Wind schaffen wir einen Knoten Geschwindigkeit. Das geht eigentlich gar nicht. Normalerweise klappen die Segel bei so wenig Wind in jedem Wellental zusammen und man wird wahnsinnig vom Schlagen der Segel. Heute Nacht funktioniert es: eine alte Windsee existiert nicht, eine alte Dünung ebenfalls nicht. Was dann folgt, ist wohl die bezauberndste Stunde auf See, die ich je hatte. Geräuschlos ziehen wir durchs Wasser. Nur am Heck ist ein leises Gluckern zu hören. Keine Fahrgeräusche, kein Wind im Ohr, kein Wellengeplätscher. Unter Deck ist es totenstill. Nichts klappert oder rappelt. Kein Geplapper, Achim schläft. Der Mond ist noch nicht aufgegangen, ein paar Sterne sorgen für diffuse Beleuchtung. Über dem Festland flackert Wetterleuchten und macht die Szenerie noch gespenstischer. Wir gleiten durch die Nacht. Wir schweben förmlich. Wie ein Geisterschiff. Wir fliegen. Wie der Fliegende Holländer. Wir sind der Fliegende Holländer. Gänsehaut! Der Plotter teilt meine Begeisterung nicht. Frech grinst er mich an: bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit bräuchten wir noch 15 Tage bis Ecuador. Nach einer Stunde ist der Zauber vorbei, der Wind nimmt zu, die Geräusche ebenfalls. Das Wetterleuchten wird heftiger. Hinten rechts, über Panama, steht die größte Zelle. Dort brennt der Himmel. Wie ein Magengeschwür werden die Wolken von innen beleuchtet. Dann erscheinen kleinere Zellen hinten links und vorne links. Wir sind umzingelt von brennenden Wolken. Schön. Wunderschön. Aber beängstigend. In der Ferne grummelt der Donner, der zu den zuckenden Wolken gehört. Trotz Gewitterzellen an allen Fronten bleibt der Wind nur schwach, knapp 10 Knoten. Um 2:00 Uhr übernimmt Achim die Wache. Der Himmel brennt noch immer lichterloh und das soll bis zur Dämmerung so bleiben. Ich gehe ins Bett und werde um 5:30 Uhr fast aus der Koje gerollt. Atanga legt sich heftig auf die Seite. Squall Alarm. Eine der Gewitterzellen hat dann wohl doch etwas Wind im Gepäck. :mrgreen: Wie gut, dass wir den Blister nicht oben haben. Mit voller Genua und Groß ist es schon ätzend genug die 25 Knoten Wind abzuwettern. Natürlich gießt es wie aus Eimern. Eine kalte Dusche noch vor dem Aufstehen. Wie ätzend. Dreißig Minuten später ist die Angelegenheit wieder vorbei. Der Wind stirbt wie abgeschaltet, was bleibt ist der Regen und die Blitze. Noch 18 Tage bis Ecuador weiß der Plotter. Wir starten den Motor.
Tagesmeilen 78 – davon 28 unter Motor Noch 394 to go…

Tag 1 nach Ecuador – der Friedliche

So., 03.Juni 18, Pazifik, Tag 1463, 12.658 sm von HH, etmal 98
Pacifico – der Friedliche, so nannte Fernando de Magallanes 1520 den neuen Ozean auf der anderen Seite Amerikas. Seine Expedition entdeckte die, nach ihm benannte, Magellan-Straße in Feuerland, tief im Süden des neuen Kontinents. Ruhig und still kam ihm Pazifik nach den rauen Monaten im Atlantik vor. Fünf Schiffe mit 265 Mann starteten in Spanien, um zu beweisen, die Erde ist rund. Magellanes selber schaffte es nicht zurück nach Spanien, er kam auf den heutigen Philippinen ums Leben. Ein Schiff, die ‚Victoria‘ und 18 Seeleute erreichten nach drei entbehrungsreichen Jahren Spanien und gelten als die ersten Weltumsegler.
Der Friedliche, so zeigt sich auch uns der neue Ozean. Glatt gezogen wie ein Bettlaken. Kleine Wellen kräuseln die Oberfläche. Eine alte Dünung existiert nicht. Wir segeln aufrecht und es schaukelt an Bord weniger als so manchen Tag am Ankerplatz. Alle Luken bleiben geöffnet, beidhändig können wir essen, beidhändig abwaschen und beidhändig die Unterbüx runterziehen. Ja, sogar eine Dusche liegt drin. Das gibt es sonst nie an Tag 1 und wird nur allzu oft auch an Tag 2 ‚vergessen‘. Das Leben auf dem Meer kann so schön sein.
Die Wettervorhersage hat tatsächlich recht: wir haben Wind aus Nord-Westen. Unter Maschine kurven wir aus dem Inselgewirr und der Windabdeckung der Las Perlas. Schon bald setzten wir unseren Blister (das bunte Leichtwindsegel). Ein Hauch von Wind – 5 bis 8 Knoten – das ist grade mal Windstärke 2 bis 3, zieht uns in die gewünschte Richtung. Wir bekommen über einen Knoten Strom geschenkt und sind überraschend gut auf dem Weg. Zeitweise schaffen wir über vier Knoten.
Zum Abend wechseln wir auf unsere Genua. Der Wind ist gleichbleibend schwach, aber wir haben Schiss das 120qm große Tuch nachts stehen zu lassen. Zu wenig Übung haben wir mit dem Lappen. Wir baumen die Genua aus, aber die Performance lässt natürlich nach. Trotzdem schaffen wir noch 3,5 Knoten vorwärts. In der Nacht wird der Wind schwächer. Unsere eigene Geschwindigkeit fällt auf unter einen Knoten, aber weiterhin gibt uns eine Strömung Schwung. Der Motor bleibt aus. Geduldig sitzen wir das Schneckentempo aus. Die Richtung könnte nicht besser sein. Süd-West. Genau da wollen wir hin. Und wer weiß, wofür wir den Diesel noch brauchen.
Tagesmeilen 98 – davon 5 unter Motor Noch 472 to go…

Mooring Manöver – ein Drama in 7 Akten

Fr., 18.Mai 2018, Panama/Las Perlas – Contadora, Tag 1448, 12.560 sm von HH

Prolog
Nach einer windlosen (wie erwartet) Überfahrt erreichen wir nach sieben Stunden Contadora.
Ein Platz vor dem Hotel mit dem schicken Internet soll es sein. Außer uns ist keiner da, wir haben die freie Auswahl im Mooringfeld.
Eine Mooring ist eine kräftige Leine, die mit einem Betonklotz fest am Grund verankert ist. Durch einen Schwimmkörper (Fender, Mooringball oder Autoreifen) wird die Mooringleine an der Wasseroberfläche gehalten. Meistens ist eine Fangschlaufe am Schwimmkörper, die man mit dem Pickhaken angelt und so eine Verbindung zum Schiff herstellt. Oder man wirft eine Schlaufe über den Schwimmkörper und fängt ihn so ein. Achim hat die längeren Arme, ist bei uns also der Fänger der Mooring, während ich am Ruder stehe. Ab einer bestimmten Annäherung an den Schwimmkörper kann ich ihn von meinem Platz aus nicht mehr sehen und bin auf Achims Anweisungen angewiesen: mehr rechts, aufstoppen, hab sie!

1.Akt
Das Schiff und beide Darsteller betreten die Bühne, wählen eine Mooring aus (also Achim wählt aus – das ist wichtig zu wissen an dieser Stelle) und ich steuere auf sie zu.
Heute soll es die Pickhaken-Methode sein, der Fender hat eine gute Schlaufe. Ich ziele auf den Fender mit langsamer Fahrt, Achim angelt mit langem Arm. Dann erscheint ein wütendes, rotes Gesicht auf dem Vorschiff. „So ein Mist! Ich hab den Pickhaken verloren. Wenn du nicht richtig aufstoppst, kann ich das nicht halten. Du musst schon halten, also richtig stoppen“, giftet er mich an.
Na, prima, ist doch immer schön, wenn man einen Schuldigen für den eigenen Fehler gefunden hat. Er hat doch den Pickhaken fallen lassen, nicht ich. Außerdem hab ich nicht das Kommando ’stopp‘ gehört. Ich funkel wütend zurück (Anm. von Achim: unberechtigter Weise).

2.Akt
Der Pickhaken ist in der Schlaufe verheddert, kann also nicht abtreiben. Ich drehe eine Runde, um Fender und Pickhaken erneut anzusteuern. Der Kreis, den ich fahre, ist zu klein. Ich komm nicht an die Mooring, verrecke auf halber Strecke. Neuer Versuch. Ich sehe Achim mit den Augen rollen und doof mit den Armen fuchteln. „Dann mach es selber, wenn du alles besser kannst“, teile ich dem genervten Mann auf dem Vorschiff mit.
Beim zweiten Anlauf klappt es, ich ziele auf den Fender. Achim versucht nun, ohne Pickhaken, die Schlaufen-Wurf-Methode. Der Wurf geht daneben, der Pickhaken löst sich und treibt, von seinen Fesseln befreit, glücklich ab. Beherzt springt Achim dem wichtigen Teil hinterher.

3.Akt
Der letzte Rest an guter Laune ist dahin. Ich sammel meinen grummelnden Mann nebst Pickhacken auf und steuere erneut auf die Mooring zu. Am eigentlich menschenleeren Strand, steht eine Gruppe uns starrt zu uns rüber. Jetzt muss das sitzen! Achim fängt die Schlaufe. Wir sind fest. Für genau eine Minute. „Die Mooring gefällt mir nicht“, ruft Achim mir zu. „Ich habe nicht gesehen, dass der Tampen nur am Fender hängt. Wir müssen eine andere auswählen.“
Total genervt gehe ich an meinen Platz zurück. „Aber diesmal stoppst du richtig auf“, tritt Achim nach. „Blödmann!“ Im Schutz hinter meiner Sprayhood fallen mir noch bessere Schimpfwörter ein.
Ich sehe, dass sich sein Mund ebenfalls bewegt. Ohne Lippen lesen zu können, verstehe ich alles ganz genau. „Doofkopp“, schicke ich nach vorne.

4.Akt
Wir wählen gemeinsam eine neue Mooring aus. Ich halte drauf zu. Und stoppe auf. Sauer, wie ich bin, zu doll ( Anm. von Achim: das Schiff läuft rückwärts und die Boje liegt 15m vor uns).
Achim verpasst die Schlaufe. „Das gibt es doch gar nicht. Kannst du nicht mehr fahren?“ Eine echte Ehekrise bahnt sich an. Deutliche Flüche und Verwünschungen fliegen hin und her. Ich hab gestrichen die Nase voll. Achim auch. Er (!) entscheidet, dass wir ankern.
„Und wo soll das deiner Meinung nach möglich sein? Die Moorings sind viel zu eng gelegt, da klappern wir mit dem Heck dagegen“, wende ich ein.

5.Akt
Der Anker fällt. Viel zu nah am Ufer. Das finden wir nun beide. Anker wieder hoch.
Der Anker fällt erneut. „Hab ich’s doch gewusst“, triumphiere ich. Beim Kette raus rasseln, kommen wir den Moorings zu nahe und schwojen mit dem Heck dagegen.
Widerwillig gibt Achim mir Recht. Anker auf. Die Menschengruppe steht noch immer am Ufer. :oops:

6. Akt
Ankern hat keinen Sinn, sehen wir beide ein. Aber wir wollen das Internet. Eine neue Mooring wird ausgewählt. Ich komme mir vor wie in meiner eigenen Slapstick-Komödie. Ich ziele vernünftig auf die Mooring, ich stoppe vernünftig auf. Die neue Mooring hat als Schwimmkörper einen Autoreifen ohne Schlaufe. Achim verliert den Pickhaken (Anm. von Achim: weil das Schiff wieder mal nicht steht und ich nicht in der Lage bin, die 15 Tonnen zu halten) und springt erneut hinterher.

7. Akt
Mann und Haken wieder an Bord, drehe ich meinen Kreis, um noch einmal auf die Mooring zu zielen. Wieder ist mein Kreis zu kurz. Wenn mal der Wurm drin ist. Ich drehe einen Monsterkreis, um auf Nummer sicher zu gehen. Bloß aufpassen, dass ich nicht noch eine der Mooring-Leinen in den Propeller bekomme.
Zielen, stoppen, alles perfekt. Achim bekommt den Reifen nicht zu fassen. Wir sind quitt. :mrgreen:  Er hat jetzt die Nase voll. Er gibt mir ein Zeichen, dass er mit Tampen springen und uns im Wasser fest tütteln wird. Jetzt aber zügig, es ist keine Fahrt mehr im Schiff und wir treiben schnell von der Mooring ab.
Schwimmend versucht Achim das Schiff zu halten. Zu komisch, wie er versucht, wie ein Verrückter zu ziehen. In einer Hand den Autoreifen in der anderen den Tampen. Ich helfe ihm mit ein bisschen Gas vorwärts. Das klappt ohne ihn tot zu fahren. Zu viele Zeugen am Strand.
Dann sind wir endlich fest.

Das Gras wird gebeten über diese Sache zu wachsen. Das Gras bitte!

Epilog
Eine Stunde haben wir gebraucht für ein lächerliches Mooring Manöver an einem windlosem Tag. Ein Kinderspiel, normalerweise.
Zwei Stunden braucht es, bevor wir wieder miteinander sprechen.

Unsere Mooring - endlich fest

Unsere Mooring – endlich fest

11

Zurück nach Panama City

Sa., 05.Mai 2018, Panama/Panama City – La Playita, Tag 1435, 12.523 sm von HH

Wikipedia sagt, dass es ungefähr 300 Tausend Braun-Pelikane geben soll. Ich bin mir sicher, die wohnen alle auf den Las Perlas. Morgens kommen sie in endlosen Formationen aus Süden und ziehen Richtung Norden. Jeden Morgen kommen neue Vögel. Hunderte. Ein wunderschönes Schauspiel, wie sie in Ketten über das Wasser gleiten oder ein sauberes V-Format bilden.
Abends kommt allerdings kein einziger Vogel zurück. Sie verschwinden alle im Norden, im Nichts (ich muss dann immer sofort an den Titti-Twister-Abhang aus ‚From Dusk till Dawn‘ denken).
Wir verlassen morgens um 7:00 Uhr Contadora und werden noch lange von den Pelikanen begleitet.

Endlose Pelikan-Schlangen ziehen in den Norden

Endlose Pelikan-Schlangen ziehen in den Norden

faszinierende Formationen bilden

faszinierende Formationen bilden

Wie fast jeden Tag ist es windstill in der großen Bucht von Panama. Wir müssen die 37 Meilen motoren. Achim versucht sein Angler-Glück und ‚bingo‘, nach zwei Stunden ein Biss. Eine Makrele. Ich möchte mehr Fisch und bekomme ihn – nur fünfzehn Minuten später beißt die zweite Makrele.
Eine geht noch, entscheiden wir. Ich möchte testen, wie gut man Fisch einkochen kann.
Der nächste Fang lässt einige Zeit auf sich warten, entpuppt sich dann aber als prächtiger Thunfisch. Na, endlich mal wieder ‚Petri heil‘.

So viel Angler-Glück wird auf dem Fuß bestraft. Während Neptun sein Füllhorn an Fisch über uns auskehrt, entscheidet der Gott der Skipper: „Ist mal wieder Zeit für ein unbekanntes Problem :lol: „.
Die Pumpe des Wassermachers pumpt, baut allerdings keinen Druck auf. Grrrr. Geht es auch mal einen Tag ohne?

Nach sieben Stunden erreichen wir Panama, grade rechtzeitig vor dem Nachmittagsregen. Wenigstens etwas. Und abends gibt es lecker Fisch.

Thunfisch - oder Bonito - wer weiß es

Thunfisch – oder Bonito – wer weiß es?

Der Beginn von über 2 Kilo Filet

Der Beginn von über 2 Kilo Filet