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Fahrradtour mit Panne

Mi.,09. Jun 2021, Franz.Polynesien/Tuamotu/Fakarava/Rotoava Tag 2567, 21.919 sm von HH

Fakaravas Hauptinsel verfügt über eine zwanzig Kilometer lange Betonpiste. Eine deutlich überdimensionierte Prachtstraße inklusive abgetrennten Fahrradstreifen rechts und links. Der Bau erfolgte anlässlich  eines geplanten Besuches von Frankreichs ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac in den 90er Jahren. Aus dem Besuch ist nichts geworden, aber die Straße ist geblieben. So eine Piste ohne Steigungen ist doch was für eine Radtour, denken wir. Zusätzlich wählen wir einen windstillen Tag, so dass wir nicht gegen den Wind zurück strampeln müssen. Alles läuft perfekt.

Die Autopiste von Fakarava

Hier ist die Welt noch in Ordnung – mit dem Dinghy bringen wir die Räder an Land zum Ausklappen

 

Wir fahren südwärts. Am Ortsausgang stehen noch ein paar Pensionen für Übernachtungsgäste. Einfache hübsche Hütten direkt an der Lagune mit privaten kurzen Sandstränden. Wir radeln weiter, schnell wird die Besiedelung dünner, nur noch selten kommt ein Auto vorbei. Ab und an machen wir einen Abstecher zur Seeseite oder einen zur Lagunenseite.

Kleine Pensionen an der Lagunen-Seite

Kleine Stichwege führen zur Lagune

Mein Kokosnuss-Knacker

Pause an der Lagune mit frischer Kokosnuss

Praktischerweise stehen Kilometersteine an der Autobahn. In der Ortsmitte haben sie begonnen. Der Weg bietet auf Dauer wenig Abwechslung, also drehen wir an Kilometer 13 um. Als wir zurück zu Kilometer 7 geradelt sind, denke ich grade so, dass mir der Hintern weh tut und ein Päuschen nett wäre. Da ruft Achim: „Ich habe einen Plattfuß!“  Na, prima. Die Sonne steht hoch über uns und sengelt. Kein Schatten. Kein Windhauch geht. Aber es nützt nichts, wer sein Fahrrad liebt, der schiebt. Wir haben Flickzeug dabei, aber Achim erscheint eine  Reparatur auf offener Piste qualvoller als das Rad zu schieben. (Auf dem Boot stellt sich diese Entscheidung als goldrichtig heraus. Beim Zusammenheften der Blister-Packung wurde die Tube mit dem Kleber perforiert. Das wäre es ja gewesen: ausgebauter Hinterreifen und dann ist der Kleber für die Flicken unbrauchbar…)

Ich fahre langsam nebenher, mal etwas vor, mal bleibe ich zurück. Immer wachsam den Blick nach hinten, ob nicht ein Auto kommt. Es ist wie verhext – es kommen uns nur Wagen entgegen. Freundlich winkend. Bei Kilometer drei der erste Überholer: ein Moped. Dann ein Kleinwagen. Erst bei Kilometer zwei der erste Pick-Up. Voll geladen mit Autoreifen und einem riesigen Wagenheber. Da ist kein Platz für uns. Achim schiebt weiter. Da er sich nicht an mein langsames Lauf-Tempo anpassen muss, kommt er mit langen Beinen gut voran. Schlussendlich muss er bis Kilometer ‚Null‘ schieben. Den schweißnassen Kerl hätte wahrscheinlich sowieso niemand mehr gerne mitgenommen. :mrgreen:

Kein Schatten und nur Autos von vorne an Kilometer 6

Plattfuss hinten

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Tag 4 – Ankunft mit Schrecken

Do.,03. Jun 2021, Franz.Polynesien,Pazifik, Tag 2559, 21.919 sm von HH

Bereits um 1:00 Uhr morgens in der vierten Nacht hat die Kreuzerei ein Ende. Wir stehen vor dem Eingang von Fakarava. Da hat sich die bordeigene Kalkulation wohl verschätzt? Nein, hat sie nicht, wir haben gemogelt. :mrgreen: Als wir um Toaus Nordspitze herum kommen, drückt uns nach einer Wende eine Strömung auf unsere alte Kurslinie zurück. Das nennt man auf der Stelle segeln. Wir werfen die Maschine an und motor-segeln sieben Meilen direkt nach Osten. Da Wind und Welle etwas zurück gegangen sind, kommen wir gut voran. Prima Lösung. Der Rest ist dann easy. Noch ein Kreuzschlag und schon stehen wir etwas zu früh vor der Passeinfahrt. Aus einer kleinen Strecke von 230 Meilen Direktweg haben wir 340 Meilen gemacht. Wahrscheinlich weil wir ja so gerne segeln.

Unsere Strecke von Tahitt nach Fakarava mit einem kleinen Ritt über Toau

Streckenweise ist es etwas ruppig

Ab Tag drei ist die Welt dann trotz Schietwetter wieder in Ordnung

Den Rest der Nacht verbringen wir beigedreht vor der Insel. Hierbei wird das Vorsegel auf die“ falsche“ Seite des Schiffes genommen – back gestellt – wie es heißt. Dadurch verliert das Schiff fast komplett den Vortrieb und treibt ruhig ohne viel Schräglage vor sich hin. Die einzige Voraussetzung dafür ist ausreichend Platz zum Treiben.
Nach dem Frühstück erwarten wir dann die ‚Slacktime‘, die Zeit zwischen Hoch- und Niedrigwasser, dem idealen Zeitpunkt, um in einen Pass in ein Atoll zu fahren.
Achim startet die Maschine und „piiiep“. Mehr passiert nicht. Der Motor springt nicht an. Ich schaue in tellergroße Augen. „Der Anlasser“, lautet Achims Sofortdiagnose. Er fummelt ein wenig im Maschinenraum herum, der Anlasser bekommt zwei sanfte Schläge mit dem Gummihammer (so ein Auto hatte ich auch schon mal – ein halbes Jahr habe ich das so gemacht). Nichts. Der Motor springt nicht an. Achim fummelt und klopft. Ich bediene den Zündschlüssel. Nichts. Im Geiste sehe ich uns schon die 230 Meilen direkt nach Tahiti zurück segeln. Wer will, ja, wer kann ein 17 Tonnen Schiff durch den Pass schleppen? Da fällt mir spotan niemand ein. ;-)  Ich höre von unten komische Geräusche und plötzlich läuft die Maschine. Dabei habe ich doch gar nicht am Zündschlüssel gedreht. „Ich habe den Anlasser kurzgeschlossen“, grinst Achim mich an. „Mit einem Maulschlüssel. Ich kann eine neue Karriere als Autoknacker starten … “
An dieser Stelle herzlichen Dank an ‚Pat Manley‘, der in seinem Buch ‚Bootswartung‘ genau diese Lösung beschreibt, sollte der Anlasser mal nicht wollen. Und einen dicken Dank an den Skipper, der sich an diese Passage im Buch erinnert hat. Ein Dreamteam.

Der Rest ist dann schnell erzählt: drei Knoten Strömung drücken uns ins Atoll. Im Pass wartet eine stehende Welle von einem Meter auf uns. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt, aber das war es auch schon. Nach fünfzehn Minuten ist der Spuk vorbei.
Jetzt liegen wir im Norden von Fakarava vor dem Hauptort. Wie idyllisch es wirkt. Scheinbar hat sich der Umweg gelohnt. Morgen geht es an Land.

Fakarava – die Kirche von Rotoava

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