Verdreckte Einsamkeit

Sa., 15.Apr.17, Mexiko/Espiritu Santo, Tag 1050, 10.079 sm von HH

Der Weg zum Dorf fängt gut an. Zwei Delphine sagen am Dinghy kurz ‚hallo‘.
Was die wohl wollen, im nur zwei Meter flachen Wasser?

Kurz darauf dann der Schock: Der Strand im menschenleeren Paradies ist übersät mit Plastik. Ein Weltnatur-Erbe erstickt im Müll. Weit gereister Dreck wird vom Strom und Wind hier angespült. Was einmal den Weg über das Riffdach gefunden hat, ist in der Lagune gefangen.

Die drei Familien, 25 Personen, die in windschiefen Tom-Sawyer-Hütten wohnen, kommen gegen den Müll nicht an. Der Strand vor ihrer Haustür ist penibel vom Plastik und Seetang befreit. Rechts und Links mündet ihr Paradies in eine Katastrophe.
Geschockt waten wir durch Flaschen, Schuhe und Plastikdeckel. Tausende Plastikdeckel. Blaue, rote, weiße, grüne Makel im Naturschutz-Reservat.
Man möchte weinen und verzweifeln, wenn man den Müll betrachtet.

Der schüchterne, aber freundliche Empfang einer der Dorf-Familien tröstet über das Elend hinweg. Woher wir kämen, wollen sie wissen. „Ah, aus Alemania, gut, dann habt ihr keinen Trump“, wird gescherzt. Man ist informiert. Das Dorf hat zwar keine Straße, aber eine Satelliten-Schüssel.
Den Strom dafür liefern kleine Solar-Paneele. Da gehen nach einer Stunde fernsehen die Lampen aus. Kontakt zur Außenwelt erfolgt durch kleine Fischerboote oder über UKW. Eine entsprechende Antenne steht zwischen den Hütten. Handy-Empfang nicht vorhanden. Gelebt wird von Fischfang.

In der Mitte vom Dorf steht die Satelliten-Schüssel, etwas abseits der Häuser die Toilette.
Was für ein Kontrast.
Das Klo ist ein klapperiges Gestell, direkt am Ufersaum. Über einen kleinen Tritt kann man das Toiletten-Gerüst erklimmen. Platz nimmt man in einem Meter Höhe. Dort sind in ein Brett zwei (!) Klobrillen eingefasst. Schulter an Schulter kann man so sein Geschäft verrichten.
Mit Blick auf die Lagune. Den Blick wahlweise auf Sonnenauf- oder Untergang.
Mit Blick auf einen See aus geschmolzenem Türkis.
Romantischer kann man wohl kaum auf dem Pott sitzen. :mrgreen:

Entwarnung

Fr., 14.Apr.17, Mexiko/Espiritu Santo, Tag 1049, 10.079 sm von HH
Das war doch halb so schlimm in die Bucht zu kommen. :-) Die Balou ist tatsaechlich vorweg gefahren: wenn es vorne knirscht, musst Du hinten bremsen. :mrgreen:
Auch ohne diese, zweifelsohne tolle Hilfe, ist es kein Problem in die weitlaeufige Bucht zu kommen. Der Riffdurchbruch ist hunderte Meter breit und ueberall tief. Die Koordinaten der selbst gemalten Karte sind korrekt und die Angaben ueber Beschaffenheit des Grunds und der Tiefe stimmen ebenfalls. Trotzdem ist es ein komisches Gefuehl, wenn man gemaess der ‚offiziellen‘ Karte ueber Land faehrt.
Punktgenau um halb elf stehen wir vor der Riff-Tuer. Die Sonne im Ruecken. Als ob nichts leichter waere genau so einen 80 Meilen Toern zu planen. Das hat geklappt, weil wir nachts mehrfach ein-und ausgerefft haben. Eine Aktion, die wir uns im Dunkeln ueblicherweise verkneifen. Dadurch konnten wir unsere Geschwindigkeit dem Plan anpassen.
Im Nachgang war das ueberfluessig. Hinter dem Riff wechseln sich Seegraswiesen mit Sand ab. Die befuerchtete Augapfel-Navigation ist nicht erforderlich. Ja, gar nicht moeglich. Das Wasser ist recht trueb. Schuld ist das Seegras. Die Wasseroberflaeche ist zu wellig, um unterhalb etwas erkennen zu koennen. Zu sehen ist nur, es scheint tief genug zu sein. Wir tasten uns vorsichtig hinter dem Riff voran. Unser Ziel ist moeglichst nah vor dem einzigen Dorf zu ankern. Auf drei Meter fuenfzig faellt der Anker im Sand. Und haelt.
Die Bucht Espiritu Santo wird durch ein 15 km langes Riff gebildet. Das Riff haelt die schlimmste Atlantik-Duenung aus dem dahinter liegenden ‚Binnensee‘ fern. Kraeftiger Wind von 20 Knoten fegt ueber uns weg. Die Windwelle ist beachtlich und laesst Balou und Atanga kraeftig auf und ab nicken.
Espiritu Santo gehoert zum groessten Kuesten-Nationalparks Mexikos. Dem ‚Sian Ka’an‘ Reservat (maya ‚dort wo der Himmel geboren wurde‘) und ist Unesco Naturerbe. Eine menschenleere, weglose Wildnis, bestehend aus Mangroven, Schilfgebieten, Lagunen und Seen. Inklusive zwei grosser Meeresbuchten, der Espirtitu Santo und im Norden, der Bahía Asención.
Wir liegen kaum zwei Stunden am Anker, da bekommen wir Besuch. Zwei Park-Ranger haben unser Kommen bemerkt. Als das kleine Beiboot auf uns zuhaelt, gibt es nur zwei Moeglichkeiten: Entweder wir muessen wieder weg oder eine Gebuehr wird faellig.
Die totale Fehleinschaetzung. Man heisst uns herzlich willkommen. Wir duerfen bleiben so lange, wie wir wollen. Kein Eintritt, keine Gebuehr. Nur auf Kanal 16 sollen wir in Funkbereitschaft bleiben.
Wir atmen auf. Denn ganz legal halten wir uns nicht mehr in Mexiko auf. Der letzte Hafen zum Ausklarieren war auf Cozumel. Dort fragten wir die Offiziellen, ob wir noch ein paar Tage im Sueden ankern duerfen: „Si, claro, no es un problem“. Allerdings haben wir das Gefuehl, dass diese Antwort nur auf Halbwissen beruht.

„Ich hab Angst“

Do., 13.Apr.17, Mexiko/Cozumel, Tag 1048, 9.996 sm von HH

„Sollen wir nicht einfach hier bleiben?“ „Oder dran vorbei fahren?“
Wir sitzen auf der ‚Balou‘ und planen unser nächstes Ziel. Es hagelt Vorschläge, was alles besser wäre als in Espiritu Santo einen Stopp einzulegen. „Weiter im Süden ist es vielleicht einfacher.“

„Quatsch, wir ziehen das jetzt durch. Wir schaffen das. Wenn’s einfach wäre, könnte es ja jeder.“

Die Rede ist von Achims und meiner ersten ‚Eyeball-Navigation‘, einer Augapfel-Navigation.
Über die Bucht, die wir uns ausgesucht haben, existieren nur handgezeichnete Karten :shock: Auf der zum Überfluss auch noch vermerkt ist: „nicht zur Navigation nutzen“

Im Plotter ist die elektronische Karte an unvollständig. Statt der Einfahrt in das Riff ist dort ein „grüner Balken“ gemalt.
„Alte Kartographen pflegten zu sagen, jenseits dieser Stelle werden Drachen sein.“*

Im klaren Wasser kann man Untiefen und Riffe gut mit bloßem Auge erkennen. Daher Augapfel-Navigation. Bedingung ist Sonne im Rücken. Die darf allerdings nicht zu tief stehen.
Einer steht am Bug oder klettert ein Stück in den Mast und hält Ausschau nach dunklen Klötzen im Wasser. Er gibt dem Rudergänger die Anweisungen.
Personen mit links-rechts-Schwäche sind von solchen Aufgaben zu befreien. :lol:

Eine polarisierende Sonnenbrille hilft sehr bei dieser Arbeit. Durch sie werden störende Reflektionen auf der Wasseroberfläche reduziert und garstige Riffe sind noch besser zu erkennen. So die Hoffnung.

Prämiere. Wir haben das noch nie gemacht.
Die Balou hat auf den Caymans und in Puerto Rico schon erste Erfahrungen hinter sich. Erfolgreich, da sie noch neben uns schwimmen.
Unser Tiefgang ist nahezu identisch, daher „darf“ die Balou vorfahren.

Die Planung der Abfahrt wird nicht vereinfacht durch die Bedingung „Sonne im Rücken“.
Wir müssen unbedingt vormittags ankommen. Erreichen wir Espiritu Santo erst am Nachmittag, können wir dort nicht rein.
Also, wann müssen wir hier los? Seit Tagen kreisen wir um die Antwort.
Der Wind ist recht schwach, es ist mit Gegenströmung zu rechnen, bremsen kann man immer… Die Entscheidung ist gefallen.
Um 15:00 Uhr geht es los. Eine Nachtfahrt mit Ankunft mit Sonne im Rücken.

Cozumel – Trauminsel?

Mo., 10.Apr.17, Mexiko/Cozumel, Tag 1045, 9.996 sm von HH

Die wichtigste Urlaubsinsel Mexikos will uns nicht gefallen. Schlicht gesagt, ist sie öde.
Flach, knapp 50 km lang und mit dem Yucatan-üblichen Buschwerk bewachsen.
Kein Berg, keine Cenotes, kein Wasserfall.
Die wahre Schönheit Cozumels liegt unter Wasser verborgen.

Wir sitzen mit Beate und Reiner im Mietauto und befahren die einzige Straße, die es auf Cozumel gibt. Busse verkehren leider nicht. An den schönsten Strandabschnitten stehen Hotels oder private Tore verwehren den Zugang.
Im Süden und Osten wo die Dünung ungeschützt an den Strand rollt, hört die Bebauung auf. Ein paar windschiefe Bretter-Kneipen stemmen sich gegen den Wind.

Der Strand ist naturbelassen.
Baden nur möglich, wo vorgelagerte Korallen vor gefährlichen Strömungen schützen. Mexikanische Familien rücken mit Tellern und Schüsseln an. Als Sonnendach dient ein altes Spannbetttuch. Echte Profis. Sie wissen wo es am schönsten ist auf Cozumel.
In der Karwoche haben viele Mexikaner Urlaub. Die ‚heilige Woche‘ wird für einen Kurztrip genutzt.

 

Bis zur Ankunft der Spanier war Cozumel eine wichtige Pilger-Stätte für die Maya.
Sie beteten hier ihre Regenbogen- und Fruchtbarkeits-Göttin an.
Seefahrende Maya richteten Handels-Zentren ein – für Honig und Chicle-Saft (dem Ur-Produkt für Kaugummi, bevor er chemisch hergestellt wurde).

Bis 1519 Hernán Cortés die Insel betrat.
Der mächtige Eroberer hörte auf der Insel von einem ‚bärtigen Mann‘ und fand in ihm seinen Landsmann Geónimo de Aguilar.
Dieser war sieben Jahre zuvor bei einem Schiffbruch ans Festland von Yucatan gespült worden. Die Maya nahmen ihn gefangen und hielten ihn auf Cozumel als Sklaven.
Als er von Cortes befreit wurde, soll er ‚vor Entzücken geweint‘ haben.

Eine Begegnung von historischer Bedeutung.
Aguilar, der Maya Sprache mächtig, begleitete Cortes fortan als Dolmetscher.

Als Cortés das erste Mal Azteken-Land betrat, war Aguilar für ihn zunächst wertlos.
Die Azteken sprachen ‚Nahuatl‘.
Aber Cortés hatte Glück. Unter zwanzig Sklavinnen, die er von einem besiegten Maya-Stamm als Geschenk erhalten hatte, befand sich Malinche. Malinche beherrschte sowohl ‚Maya‘ als auch ‚Nahuatl‘.
Zusammen mit Aguilar bildete sie fortan ein Dolmetscher-Dream-Team für Cortés.

Cortés machte Malinche zu seiner Geliebten. Bald lernte sie selber Spanisch und machte Aguilars Dienste überflüssig. Sie übersetzte nun allein die Worte Cortés und fügte eigene Worte hinzu. Da sie immer an seiner Seite war, wurde Cortés von den Azteken ‚Capitan Malinche‘ genannt, weil sie Malinche als ihren Gebieter wahrnahmen.

„Diese Frau war ein entscheidendes Werkzeug bei unseren Entdeckungsfahrten. Ohne sie hätten wir so manche Unternehmung nicht durchführen können“, so ein Soldat aus dem Heer von Cortés.

Dass Cortés nur zwei Jahre brauchte, um Mexiko zu unterwerfen, ist Geschichte. Dass eine ehemalige Sklavin einen guten Teil dazu bei getragen hat, sehr beeindruckend.
Malenches Ansehen ist gepalten im modernen Mexiko. Die einen sehen in ihr eine der umstrittensten Frauen der Weltgeschichte, eine Verräterin am eigenen Volke.
Die anderen halten sie für eine Art ‚Mutter der Nation‘. Da ihr Sohn mit Cortés einer der ersten gezeugten Mestizen gewesen ist.

Fazit der Geschichte: Lerne Sprachen! Das reitet Dich aus jeder Scheisse raus.
 

Tauchen wie in Kristall

Sa., 08.Apr.17, Mexiko/Cozumel, Tag 1043, 9.996 sm von HH

So schüttelt die Touristen-Industrie die Werbe-Trommel für Cozumel. Und wie recht sie haben!

Die Sichtweiten sind sensationell. Obwohl wir im Einzugsgebiet der Fähren zum Festland und der Kreuzer liegen, haben wir 30 Meter Sicht und mehr.
Der Anker liegt mit 50 Meter Kette am Grund und ist noch fast zu erkennen. Wohl das klarste Wasser unserer Reise.

Keine Suppe ohne Haar – kein Paradies ohne Biest.
Über der Sandfläche ist nichts los. Zum Tauchen muss man an die Riffe, muss man in den Süden von Cozumel.
Nur ein Trupp Drücker wohnt direkt unter Atanga. Killer-Drücker.
Achim und ich sind beide schon von den kleinen Monstern gebissen worden. Todesmutig halten sie auf einen zu und zwicken in die Finger.
Blut spitzt nicht, aber die Mikro-Zähne kneifen ganz ordentlich.

Drücker

Drücker

Die Strömung ist zeitweise heftig. Nur an ruhigen Tagen kann Achim ein paar Pocken vom Rumpf kratzen (der Bewuchs hält sich in Grenzen, trotz zwei Monaten im Hafen).
An den anderen Tagen wird er gnadenlos vertrieben.
Schwimmen ist nur auf der Stelle möglich. Wie bei einer Gegenstromanlage.

Über die gefühlten Temperaturen des Wassers gehen die Meinungen auseinander. Fakt sind 27 Grad. Da kann man doch rein. Ohne Schutzkleidung. :shock:

Cozumel gilt als der Anfangs-Punkt des zweitgrößten Barriere-Riffs der Welt. Es ist gleichzeitig das größte Riff der nördlichen Hemisphäre.
250 km erstreckt sich das Riff von hier bis hinunter in den Süden nach Belize. Endlose Kilometer eines türkisen Traums.