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Quilotoa – eine Gratwanderung

Mi.,25.Jul.18, Ecuador/Zumbahua, Tag 1515, 13.337 sm von HH

Quilotoa-Lagune

Quilotoa-Lagune

Was so eine Gratwanderung an den Tag bringen kann: der Mann, der mit mir um die Welt segelt und 16 Meter in den Mast klettert ohne mit der Wimper zu zucken, der Mann, den ich seit 19 Jahren kenne, dieser Mann mag nicht auf einem Grat wandern. Zumindest nicht, wenn es rechts und links senkrecht abwärts geht. „Umdrehen?“, schlägt er vor. Ich schüttel den Kopf: „nein“.
Grade haben wir uns die schlimmste Steigung empor gekämpft. Der Weg ist mit Rollsplitt abgestreut. Oder mit rutschigem Mullersand. Da möchte ich nicht auf dem Hosenboden wieder runter rutschen.
Mehr zu sprechen, liegt nicht drin. Mir fehlt die Luft. Der Wind haut die Lungen voll eisiger Luft. Das hilft auch nicht. Alle paar Meter müssen wir stehen bleiben und nach Atem ringen.

Der Anfang wiegt uns in Sicherheit

Der Anfang wiegt uns in Sicherheit

 

Der erste Zacken ist brutal

Der erste Zacken ist brutal

An einigen Stellen geht es rechts und links senkrecht runter

An einigen Stellen geht es rechts und links senkrecht runter

Vor uns liegt, wunderschön, die Quilotoa-Lagune. Der Kraterrand sieht wie die gezackte Kante einer halben Eierschale aus. Wie zu Pilhuhns besten Zeiten. Der Weg führt genau auf dem Saum der Eierschale lang. Harmlos sieht es aus, beachtet man den ersten Zacken nicht.
Der steigt über 400 Meter auf knapp 4000 Meter an. Wenn wir den geschafft haben, wird es leichter, stärken wir unser Entschlossenheit.

Die kleinen Piks in der zweiten Hälfte sollen uns noch fertig machen

Die kleinen Piks in der zweiten Hälfte sollen uns noch fertig machen

So kann man sich irren. Dagegen war unser gestriger Ausflug ein Pony-Geburtstag. Die Zacken nehmen kein Ende: 30 Meter hoch, 70 Meter runter, 60 Meter hoch, 60 Meter runter. Zeitweise ist der Weg gut, dann wieder voll Geröll oder es liegt eine dünne Zuckersand-Schicht auf festem Untergrund. Rutschig wie Glatteis. Natürlich ist der Krater-Grat an solchen Stellen besonders schmal. Mein Seemann kann dann gar nicht lachen. Es ist unfassbar anstrengend und unglaublich schön. Lohnt sich die Mühe? Die Frage erübrigt sich, es ist eine der hübschesten Wanderungen, die wir bisher gemacht haben.

Atempause bei jeder Gelegenheit

Atempause bei jeder Gelegenheit

Atempause bei jeder Gelegenheit

Atempause bei jeder Gelegenheit

Die Lagune, die unter uns liegt, ist 1280 bei einem gewaltigen Ausbruch des Quilotoa entstanden. Der Ausbruch hatte Stärke 6 auf einer Skala bis 8. Die Lavaströme ergossen sich in den 200 Kilometer entfernten Pazifik. Zehn-Kubikkilometer Tephramassen wurden 25 Kilometer hoch geschleudert. Der Quiloto steht unter dem Verdacht für die kleine Eiszeit mit Hungersnöten in Europa verantwortlich gewesen zu sein. Jetzt liegt alles friedlich vor uns. Einige Bauern beackern die Kraterwände mit Mais und Kartoffeln. Eine Familie errichtet grade ein Wohnhaus auf dem Kratersaum. An einer Flanke sehen wir eine Wiederaufforstung mit Nadelbäumen.

Zwölf Kilometer und sechs Stunden später ist die Umrundung geschafft. Uns sind eine Handvoll Wanderer entgegen gekommen oder haben uns überholt. Die meisten bleiben an der Aussichtsplattform an der Straße. Im kleinen Ort Quilotoa am Kraterrand, der nur aus Restaurants und Hostals für Kraterbesucher besteht, finden wir schnell einen Pick-Up, der uns für 5 USD ins vierzehn Kilometer entferne Zumbahula zurück bringt.

Hawapati – ein unmöglicher Aufstieg

Di.,24.Jul.18, Ecuador/Zumbahua, Tag 1514, 13.337 sm von HH

„Wir suchen uns einfach einen Feldweg und gehen auf eigene Faust los“, ist unsere Idee beim Frühstück in Zumbahua. Es gibt wenig Informationen über Zumbahua zu finden.
Klar ist, der 10.000-Einwohner-Ort liegt auf 3.600 Meter und die Häuser haben alle keine Heizung. Unser Hostal (unser schlechtester Griff bisher-das Zimmer ist hellhörig, winzig klein und die Wirtsleute sind unfreundlich) bewahrt seine Gäste vor dem Erfrieren durch drei Lagen Lama-Decken und einen elektrischen Radiator.

Wir treten auf die Straße und unser Problem löst sich südamerikanisch in Wohlgefallen auf. „Nach Quilotoa?“, fragt uns ein Pick-up-Fahrer. „Nein, dahin wollen wir Morgen. Wir suchen einen Wanderweg hier im Ort.“ Der ältere Typ zeigt mit dem Finger auf einen nahen Berg. „Da müsst ihr hoch, auf den Hawapati, schöner Weg, schöne Aussicht. Kommt, steigt ein, ich nehme euch mit und zeige euch, wo der Wanderweg losgeht.“

Eigentlich ist der Berg unbezwingbar

Hawapati -Eigentlich ist der Berg unbezwingbar

Das Angebot nehmen wir an. Er fährt uns bis zum Dorfrand und schmeißt uns raus. Wir verstehen noch ‚Wasserhaus und blau‘, dann ist er verschwunden. Wir stehen am Fuß eines ‚kleinen Hügels‘, vielleicht vierhundert Meter hoch. Und steil. Sehr steil. U bezwingbar steil. Wir stiefeln erst mal los. Das blaue Wasserwerk finden wir noch, aber keinen Weg. Da blinzelt uns ein Guanako mit seinen langen Wimpern oberhalb des Weges an. Na, wo der laufen kann, schaffen wir das auch.

Diese Wimpern - Guanako

Diese Wimpern – Guanako

Quer durch Puna-Gräser, Wiesenblüten und über Steine stolpern wir unserem vierbeinigen Führer hinterher. Als es so steil wird, dass wir schon fast nicht mehr voran kommen, treffen wir endlich auf den Weg.

Kletterei

Kletterei

Inzwischen dürften wir auf 4000 Meter sein und keine Ausrede ist zu doof, um einen Stopp einlegen zu können: Foto machen, Schuhe zubinden, Nase putzen, wieder die Schuhe und noch ein Foto. Wir pumpen wie die Maikäfer, eine Unterhaltung ist unmöglich. Achim geht so weit, dass er extra in ein Stachelgewächs greift, nur um sich in einer Pause die Stacheln aus der Hand ziehen zu können. :lol:

Der Griff in die Dornen

Der Griff in die Dornen

Pause

Pause

Der gefundene Weg schlängelt sich in Serpentinen den Hügel hoch. Zeitweise brauchen wir die Hände, um uns am Gras hochzuziehen. So richtig ins Schwitzen kommen wir nicht. Der Wind ist ziemlich eisig und wenn die Sonne hinter Wolken verschwindet, brauchen wir die Mützen.
Aber irgendwann sind wir dann oben. Wie in den Bergen üblich , belohnt uns eine grandiose Aussicht für unser Mühen.

Ackerbau bis in die letzte Bergspitze

Ackerbau bis in die letzte Bergspitze

Für Wald ist im Tal kein Platz mehr

Für Wald ist im Tal kein Platz mehr

Allerdings auch hier Anden-typische Bild: Jeder einzelne Quadratmeter ist beackert. Alle Bäume abgehackt. Verbaut und vor allem verheizt.
Örtlich wird Wiederaufforstung betrieben. Dabei hält Ecuador sogar einen Weltrekord mit 650.000 gepflanzten Bäumen an einem Tag. Leider wird hierfür häufig der schnellwüchsige Eukalyptus verwendet, der den heimischen Pflanzen zusetzt, da neben Eukalyptus kaum eine andere Pflanzenart wachsen mag.

Blick auf Zumbahula

Blick auf Zumbahula

Gipfelkreuz

Gipfelkreuz

Zumbahula ist ein kleines Berg-Kaff. Authentisch. Nicht gerade wohlhabend, geprägt durch harte Arbeit. Die meisten Häuser sind unverputzt, gerade halb fertig gebaut. Wäsche wird draußen im Hof gewaschen auf einem Waschbrett. Die Ernte wird per Hand eingeholt.
Der Anteil der Indigenas dürfte nahezu hundert Prozent betragen. Die Trachtenquote ist ähnlich hoch, zumindest bei den Frauen. Mit ihren Schultertüchern, Kniestrümpfen, Faltenrock und Filzhut mit Feder wirken die Damen wie vom letzten Schützenfest zurück gelassen. Sicherlich nicht eines der schönsten Outfits.
Gerne wird das Schultertuch durch neumodische Fleece-Decken ersetzt. Hier sind besonders Baby-Decken sehr populär: Bärchen auf himmelblauen Wolken oder Hello-Kitty-Motive. Das macht die Klamotten nicht schicker.

Cuicocha – eine Kraterwanderung

So.,22.Jul.18, Ecuador/Otavalo, Tag 1513, 13.337 sm von HH

Vierzehn Kilometer Wanderung. Sechshundert Meter Aufstieg. Vierhundert Meter Abstieg. Auf einer Höhe von 3.500 Metern. Das stinkt nach Ciudad Perdida-dem höllischen Tag zwei.
Wir riskieren es trotzdem. Zählt diese Wanderung doch zu den schönsten Ecuadors. Und trainiert haben wir ja schließlich auch.

Der schlimmste Anstieg von vierhundert Metern kommt gleich am Anfang. Der ist überlebbar. Die Wege sind gut, wo es sehr steil ist, sind Treppen gebaut. Schmale Sandwege ohne Stein- und Wurzelfallen. Der Blick auf die beiden Inseln, etliche Meter unter uns, ist herrlich. Wie Grießklöße in einem Kirschsuppen-Teller schwimmen die Inseln in der blauen Lagune.

Cuicocha-Lagune mit den zwei Inseln

Cuicocha-Lagune mit den zwei Inseln

Orchideen säumen den Weg, Bromelien sitzen auf den letzten verbliebenen Bäumen. Und dann das Pampas-Gras. Unverschämt grinst es jedem Hobby-Gärtner ins Gesicht. Welcher Gartenbesitzer und Gräser-Freund hätte noch nicht versucht, sich diese Zicken unter den Gräsern in den heimischen Beeten anzupflanzen? Vergeblich versucht. Spätestens nach dem zweiten Winter hat man nur noch Matschpampe statt anmutiger Wedel. Hier ist es anders. 10, 100, 1000, unendliche Pampasgras-Wedel wachsen in den Himmel.

Pampas-Gras

Orchideen

Orchideen

Pampas-Gras

Die Wege sind einfach zu laufen

Die Wege sind einfach zu laufen

Sechseinhalb Stunden brauchen wir für die ‚kleine‘ Wanderung. Fit, wie wir Cockpit-Sitz-Schlaffies inzwischen sind, benötigen wir nur 30 Minuten mehr als der Wanderführer verspricht. Na, geht doch.
Allerdings hat Achim mich bis zur Hälfte ganz schön gescheucht.
Um 15:00 Uhr wartet ein verabredetes Taxi auf uns. Typisch deutsch wollen wir da ja wohl nicht zu spät kommen. Unser Hostal hat den Fahrer gleich für fünf Gäste organisiert. Mit uns fahren noch ein Spanisches Pärchen und eine Tschechin, so dass wir uns die 25 USD für Hin-Und Rückweg teilen können. Praktisch. Zu Beginn der Tour waren die direkt nach fünf Minuten verschwunden. Komisch, immer sind alle sind schneller als ich. :roll:
Mit der ‚Ciudad Perdida‘ ist das hier aber nicht zu vergleichen. Da habe ich meine ganze Kraft für die schlechten Wege verbraucht und konnte einfach nicht mehr. Diese Wanderung ist unschwierig, nur braucht es ab und an ein Päuschen zum Luftschnappen.

Der Anfang beißt in der Lunge - 400 Meter höher auf 3500

Der Anfang beißt in der Lunge – 400 Meter höher auf 3500

Immer am Kraterrand entlang

Immer am Kraterrand entlang

Der eigentliche Vulkan, der Cotacachi, überragt seine Lagune noch um 1.500 Meter. Vor uns hüllt er sich heute schüchtern in Wolken. Der Cotacachi ist einer der ersten Berge in den Anden, der seinen Gletscher verloren hat.
Die Legenden der Indigenas berichten, dass der Vulkan Imbambura und der Cotacachi ein Liebespaar seien. Wenn morgens Schnee auf dem Gipfel des Cotacachi lag, hatte Mama Cotacachi nachts Besuch von Imbabura. Die ältere Bevölkerung sieht in dem Verlust des Gletschers eine Bestrafung von Mama Cotacachi. Die jungen Leute sehen darin die Folge der Erderwärmung.

Ein paar Bäume wurden noch übrig gelassen

Ein paar Bäume wurden noch übrig gelassen

Schöne Lagune im Naturschutzgebiet Cotacachi

Schöne Lagune im Naturschutzgebiet Cotacachi

Otavalo

Fr.,20.Jul.18, Ecuador/Otavalo, Tag 1511, 13.337 sm von HH

Das Stadtbild von Otavalo wird von den ‚Otavalos‚, Angehörigen der indigenen Kichwa-Gruppe, in ihren Trachten beherrscht. Was abgelegen auf dem Dorf nicht überrascht, lässt uns in der Stadt verwundert die Augen reiben. So eine Trachten-Dichte hätten wir nicht erwartet. Die Frauen tragen buntbestickte Blusen mit Gardinen-Ärmeln. Dazu gehört ein knöchellanger Rock mit bunt besticktem Gürtel. In diesem steckt bei jungen Frauen häufig das Handy, während sie ihr Kind in geschickter Wickeltechnik auf dem Rücken tragen.
Die Herren tragen weiße Hosen unter einem blauen Poncho und beiderlei Geschlecht trägt leichte Samba-Sandalen, die weder für die Temperaturen noch für die elenden Steigungen im Bergland geeignet scheinen.

Typische Frauen in Otavalo

Typische Frauen in Otavalo

Alles wird in Tüchern auf dem Rücken getragen

Alles wird in Tüchern auf dem Rücken getragen

Die ‚Otavalos‘ zählen zur wohlhabendsten Ureinwohner-Ethnie in gesamt Lateinamerika. Ihre Webereien haben bereits den Inkas gefallen als diese das Land eroberten. Danach kamen die Spanier und brachten Webstuhle mit, so dass sich die Webkunst von Otavalo in den gesamten Anden verbreitete. Heute behaupten die ‚Otavalos‘, dass sie die unmittelbaren Nachkommen der Inkas seien.

Täglich findet ein großer Markt auf dem ‚Plaza de Ponchos‘ statt mit Webwaren aller Art: Decken, Ponchos, Pullover, Schals und Teppiche. In jeder Qualität, aus Lamawolle, Schafswolle und Alpaka. Unzählige Händler bieten ihre Waren an. Handarbeit ist es zum größten Teil längst nicht mehr, sondern in Fabriken gefertigte Ware. Einige Teile sind sehr schön und ausgesprochen kuschelig sind die Alpaka-Teile. Widerstand ist zwecklos, eine Decke wandert in unseren Warenkorb.

Wollmarkt auf dem Plaza de Poncho

Wollmarkt auf dem Plaza de Poncho

 

Nicht nur Ware für Touristen, in den Hostals finden sich genau diese Decken auf den Betten

Nicht nur Ware für Touristen, in den Hostals finden sich genau diese Decken auf den Betten

Otavalo liegt malerisch eingebettet zwischen drei Vulkanen. Zu Fuß ist es nicht weit und schon stehen wir mitten in der umliegenden Landwirtschaft. Wir brauchen nur ein „paar“ Stufen bergauf schnaufen und wir finden uns in mitten von Feldern wieder.
Das einzig Lästige sind die vielen Hunde. Jeder Haushalt hat mindestens zwei, besser noch vier oder fünf Hunde. Wütend kläffen uns die meisten an, wenn wir passieren. Ein junges Mädchen pfeift ihre zwei Hunde zurück. „Sind die gefährlich oder nicht gefährlich?“, fragen wir sie. „Gefährlich“, kommt ihre selbstverständliche Antwort. Super, genau die Antwort wollen wir hören. Es hilft, sich nach einem Stein zu bücken, wenn ein Hund zu nahe kommt. Diese Geste kennen die Viecher, sofort machen sie einen Bogen um uns. So mancher Stein mag sie schon getroffen haben. :-(
Es sind überwiegend keine Streuner, sondern wohlgenährte, halbwegs gepflegte Tiere.

Egal an welchem Hof wir vorbei kommen - die Hunde warten bereits

Egal an welchem Hof wir vorbei kommen – die Hunde warten bereits

Unberührte Landschaft sucht man vergeblich, jeder Quadratmeter ist beackert. Auf kleinen Parzellen wachsen Getreide, Lupinen, Kartoffeln und Gemüse. Gepflügt wird maschinell, die Ernte erfolgt mit der Hand. Mit einer kleinen Sichel ernten zwei Frauen Roggen mit krummen Rücken. Bekleidet in ihren Blümchen-Blusen und Sandalen. Dazwischen spaziert ein Schäfer mit seinen Schafen.
Auf uns wirkt es friedlich, idyllisch, wie heile Welt. Aber was für ein Knochenjob.

Landwirtschaft in kleinen Parzellen

Getreideernte per Hand

Getreideernte per Hand

Unser Ziel ist der ‚Lerchero‘, der Milchmann auf 2.850 Meter. Dieser, angeblich tausend Jahre alte Baum, wird seit jeher von der indigenen Bevölkerung als heilig verehrt. Es werden ihm magische Kräfte zugesprochen. Der milchige Saft, der austritt, wenn man ein Blatt abreißt, wird zur Wundheilung oder als Klebstoff eingesetzt. Heute ist der Lechero eingezäunt, um die Rinde vor weiteren eingeritzten Liebesbekundungen zu schützen. Altersschwach müssen einige Äste gestützt werden. Auf diesem herrlichen Plateau, eingerahmt von drei Vulkanen, können wir uns wunderbar Schamanen-Rituale bei Vollmond vorstellen.

El Lechero

El Lechero

Bitte, nenn‘ es nicht Spaziergang!

Di.,10.Jul.18, Ecuador/Baños Tag 1501, 13.337 sm von HH

‚Unschwieriger Spaziergang auf schmalen Pfaden‘, so beschreibt unser nutzloser Wanderführer unsere heutige Tour. Gelächter! Achim wüntschte sich, er hätte seine Machete dabei gehabt und ein Gewehr. Der erste Teil ist in der Tat unschwierig, leicht bergauf und parallel zum Rio Pastaza, der sich in einer tief eingeschnittenen Schlucht schlängelt.
Der Weg ist gut zu erkennen und wird auch von den Bauern genutzt, wie an frischen Esel-Äpfeln auf dem Weg zu erkennen ist. An den steilen Hängen ackern sie mühsam Zuckerrohr und Orangenbäume stehen voller Früchte. Idylle? Was wie der perfekte Okö-Hof wirkt, ist entbehrungsreich und mühsam.

Harmloser Wanderweg am Pastaza

Harmloser Wanderweg am Pastaza

 

Pastaza Schlucht

Pastaza Schlucht

Was man so Brücke nennt

Was man so Brücke nennt

Für Achim hört die Idylle spontan auf als drei Hunde hinter einem Schuppen lauf kleffend auf ihn zustürmen. Der größte Köter gebärdet sich am gefährlichsten und lenkt mit seinem Theater prima die Aufmerksamkeit auf sich. Sein Trick geht auf: der Kleinste kneift Achim hinterrücks in die Wade. Vorbei an diesen Monstern traue ich mich keinen Meter weiter. Nur hundert Meter zuvor hatte der Bauer uns einen Dollar abgeknöpft, weil der Wanderweg über sein Privatgelände führt. Dahin gehe ich zurück und hole ihn zur Hilfe. So funktioniert es, er beruhigt seine Hunde und wir können unbeschadet vorbei.

Idyllische Landwirtschaft mit wütenden Hunden zwei Minuten später

Idyllische Landwirtschaft mit wütenden Hunden zwei Minuten später

Mit tollem Blick auf die Schlucht geht es nun heftig bergauf. Vor uns liegen nahezu senkrechte Steilwände, die müssen wir umlaufen. Am höchsten Punkt passieren wir noch einmal einen winzigen Hof. Längst sind die zwei Stunden verstrichen, die der Wanderführer für diese Tour angibt. Haben wir schon die Hälfte? Wir wissen es nicht. Der Bauer weist uns den richtigen Weg. „Si, si, dahinten geht es weiter“.
Wir sind unsicher. Ein Weg ist kaum zu erkennen. Hier läuft wohl nur selten jemand. Der kaum sichtbare Trampelpfad verschwindet im Gras.
Zeitweise verlieren wir komplett die Spur, laufen in die Irre und müssen erneut suchen. Aus flachem Gras, haufenweise Minze, wunderschönen Wildblumen und Kräutern, wird echter Wildwuchs. Wir kommen nur mühsam voran. Das schöne Wetter verzieht sich. Das Gestrüpp wird dichter, erste Lianen peitschen ins Gesicht, Kletten haften in den Haaren und an unseren Jacken, Das meterhohe Gras ist feucht und weicht Hose und Schuhe auf.

An dem steilen Hang vor uns führt der weitere Weg lang

An dem steilen Hang vor uns führt der weitere Weg lang

Unser "Weg" (?)

Unser „Weg“ (?)

Achim geht als Leithammel vorweg

Achim geht als Leithammel vorweg

Dafür geht es kontinuierlich bergab. Gefühlt sind wir richtig. Einen Blick auf die Schlucht haben wir schon lange nicht mehr. Die Sicht ist durch Bäume, Schilf und Gestrüpp versperrt. Zum Glück, denn links neben dem Weg geht es senkrecht runter. Im Grunde wandeln wir auf einem schmalen Grat an dem steilen Hang. Wer über ein Grasbüschel stolpert muss darauf hoffen, dass das Dornengestrüpp den freien Fall bremst. ‚Spaziergang auf schmalen Pfaden’….pfffft.

Nach einer Stunde Kampf ist der Pfad leichter zu erkennen. Die Bergflanken sind wieder beackert, erste Felder tauchen auf und die Wege werden von Bauern genutzt. Gerettet! Schon bald taucht auch die, im Wanderführer versprochene, ‚Tarabita‘ auf. Eine Tarabita ist eine einfache Seilbahn, die in den Anden von Ecuador und Kolumbien genutzt wird, um Schluchten zu überqueren. Ein einfaches Körbchen hängt an einem Seil und mit Hilfe einer Rolle und der Schwerkraft werden die Köbe von einer Seite zur anderen geschickt. Unsere Tarabita hat zusätzlich einen Motor, der den Korb hin und her schickt.

Typische Gondel der Tarabita

Typische Gondel der Tarabita

Wir sind nur froh, dass die Tarabita nicht außer Betrieb ist. Todesmutig steigen wir ein. Die Tiefe unter uns ist beeindruckend. Wow. Erst sind nur ein paar Meter uns als wir über einem Fluß schweben. Aber plötzlich verwandelt der Fluß sich in einen Wasserfall und unter uns ist nur noch Abgrund. Zu Achims ‚Freude‘ stoppt der Korb in der Mitte, damit wir ausgiebig Zeit haben, die Aussicht zu genießen. :mrgeen:

Der Blick aus der Tarabita auf die Schlucht - hundert Meter unter uns

Der Blick aus der Tarabita auf die Schlucht – hundert Meter unter uns

Der Blick zurück aus dem Käfig und woher wir kommen

Der Blick zurück aus dem Käfig und woher wir kommen

Viereinhalb Stunden haben wir für den unschwierigen Spaziergang gebraucht und sind total im Eimer. Mit dem Bus fahren wir nach Banos zurück, schnell was Essen und Füsse hoch.