Archiv der Kategorie: Pazifik

Tag 6 nach Tahiti: Wechselbad

Di., 11.Aug.20, Pazifik, Tag 2263, 20.965 sm von HH
Die letzten 24 Stunden sind Suedsee-Segeln vom Feinsten (O-Ton Skipper): erst die versprochene Flaute – nach drei Stunden Motorfahrt ist das das ‚blaue Band‘ ueberquert – danach frischer Wind von Ost ueber Nord drehend, dann von Westen kommend und nun wieder brav aus Sued-Sued-Ost. Nach der Flaute blaest es ziemlich bald wieder mit 20 Knoten.
Wir machen mehr Segelmanoever als die letzten fuenftausend Meilen. Hoch am Wind, halber Wind und jetzt achterlich – allerdings von Backbord und nicht mehr von Steuerbord. Mit dem Wind kommt Regen. Abwechselnd feiner Nieselregen oder kraeftiger Spruehregen. Alles ist grau. Das Meer, der Himmel – steingrau, zementgrau, mausgrau. Mit den Wolken kommt die Kaelte zurueck. Die schon weg gepackten Socken kommen wieder zum Einsatz. Die und ein heisser Rindfleisch-Kartoffel-Bohnen-Eintopf helfen. Das Kochen wird zum Kraftakt – die Pantry neigt sich zur falschen, offenen Seite auf der ich nicht gut kochen kann. Der Abwasch ist nur noch gemeinsam machbar. Wir koennen uns kaum auf den Beinen halten. Die neue Wind-See aus Westen passt nicht zur alten Duenung aus Osten. Kabbelige Kreuzseen schuetteln uns durch. Spass-Segeln vom Feinsten. :-) Zum Glueck passiert uns das erst an Tag sechs und nicht an Tag zwei, so macht es uns nicht so viel aus, ausser, dass es nicht schoen ist.
Vor Antritt des Toerns hatte ich mich ganz besonders darauf gefreut mal acht Tage ohne Internet zu sein. Nichts von diesem unsaeglichen Corona-Mist zu lesen. Und es hat geklappt. Ohne die Fuetterung mit neuen ‚Schlagzeilen‘ ist Corona kein Thema zwischen Achim und mir. Mal ein kurzes ‚mit Neuseeland muessen wir einfach abwarten, was Corona bringt‘, aber keine endlosen Gespraeche ueber falsche oder wahre Statistiken, gute oder schlechte Entscheidungen, ueber einseitige Berichterstattung, ueber Panikmache und Corona-Leugner.
Auf Kurzwelle gibt es abends um 19:00 Uhr eine Funkrunde. Segler die grade unterwegs sind, geben ihre Positionen durch und Schiffe am Anker berichten von allgemeinen Neuigkeiten. Die Funkrunde hat leider keine guten Nachrichten. Auf Tahiti gab es auf Schlag 71 neue Corona-Faelle. Interessanterweise alles Faelle nach zwei Feierlichkeiten der Polynesier und nicht unter Touristen. Nach wochenlanger Pause ohne einen akuten Fall ist dies eine schlechte Info. Wir hoffen, dass es nicht erneut zum Lockdown in Tahiti kommt. Oder dass Neuseeland die Schotten zu macht fuer Segler, die aus einem Corona-Country einreisen moechten. Wir brauchen wahrscheinlich noch zwei Tage bis wir auf Tahiti ankommen, dann sehen wir weiter – bis dahin sprechen wir einfach nicht darueber.
Tag 6: 95 Meilen
Rest: 204 Meilen

Tag 5 nach Tahiti

Mo., 10.Aug.20, Pazifik, Tag 2262, 20.870 sm von HH
Der Wind hat weiter nachgelassen und zeitgleich auf Nord-Ost gedreht. Aus achterlichem Wind ist ein Vor-Wind-Kurs geworden. Das hat Vorteile, jetzt liegt Atanga bequem auf der Seite und leicht nickend naehern wir uns Tahiti. Der Traum zu Beginn des Toerns auf eine schnelle UEberfahrt, der ist geplatzt. Von sechs auf drei Knoten ist unsere Geschwindigkeit gesunken. Mal wieder Zeit fuer ein wenig ‚mimimi‘. Vor uns soll ein Flauten-Gebiet liegen. Eine der typischen pazifischen Konvergenzzonen. Auf der Wetterkarte sieht das aus wie ein blaues schmales Bad, wie ein blauer Fluss (blau = kein Wind) umgeben von sattem Gruen bis Gelb (anstaendiger Segelwind). Rechts vom Fluss kommt der Wind aus Sued-Osten – links vom Fluss aus Nord-Westen. Und nach Nord-Westen wollen wir. Nicht auszuschliessen, dass wir sogar noch kreuzen muessen auf diesem Toern. Manchmal ist der Teufel eine Konvergenzzone. ;-)
Ansonsten ist alles super. Zwei harmlose Squalls mit ein paar Regentropfen, der Rest ist eitel Sonnenschein. Es wird taeglich waermer. Nur noch zum Sonnenaufgang kommen die Jacken zum Einsatz. Erstaunlich, was drei Grad waermeres Wasser für eine Lufterwaermung bringt.
Tag 4: 105 Meilen
Rest: 308 Meilen

Tag 4 nach Tahiti: Laeuft

So., 09.Aug.20, Pazifik, Tag 2261, 20.765 sm von HH
Kaum sind wir eingewoehnt, verwischen die Tage. Wie lange sind wir unterwegs? Schon fuenf oder erst vier Tage? Der uebliche Langstrecken-Dreikampf macht sich breit: Schlafen, Essen, Lesen, Schlafen, Essen, Lesen.
Das Meer ist tiefblau und praechtig, die Sonne scheint und das Segeln ist okay. Die Wellen sind etwas zurueck gegangen, der Wind auch. Tagsueber liegen die dicken Jacken nun ungenutzt in der Ecke. Es fallen Saetze wie ‚Schoen, dass die Schiffsbewegung moderat sind‘. Bloedsinn! Es schaukelt ganz ordentlich, vor drei Tagen haben wir noch darueber gemeckert. Jetzt ist alles im Lot, wir sind zufrieden.
Die Begeisterung von Segel-Kollegen, die auf dem Meer erst ihre innere Mitte finden, die den Einklang mit den Naturgewalten geniessen, in langen Passagen ihr Glueck auf Erden finden, – nein – , diese Begeisterung teilen wir nicht.
Das war von Anfang an so und wird sich wohl auch nicht mehr aendern. Fuer uns ist es ein Transport, einer der seine guten und seine schlechten Seiten hat, mehr nicht. Das Leben an Bord, irgendwo vor Anker, die Freiheit und die Abenteuer, die uns dieser Lebens-Stil bietet, die ungewoehnlichen Plaetze an die uns unser Schiff bringt, darin liegt fuer uns das Glueck auf Erden. Die Strecken werden abgerissen und wir machen das Beste draus: Schlafen, Essen, Lesen!
Tag 4: 112 Meilen
Rest: 413 Meilen

Tag 3 nach Tahiti: Besser, viel besser!

Sa., 08.Aug.20, Pazifik, Tag 2260, 20.653 sm von HH
Objektiv betrachtet sind die Bedingungen schlechter als an den ersten beiden Tagen. Trotzdem ist die Laune um Klassen besser. Immer wieder erstaunlich, wie der Koerper an Tag drei seinen Widerstand gegen gute Segelstimmung aufgibt. Der Wind blaest jetzt dauerhaft mit sechs Windstaerken. Noch immer schraeg von hinten. Die Welle hat wohl an die drei Meter und trifft aus aehnlicher Richtung auf uns. Das Wellenbild ist konfus, die Intervalle kurz, daher werden wir ganz schoen geschuettelt, aber ohne zu rollen. Nur ab und an gibt es einen Druecker, der uns hart auf die Seite legt. Wir laufen wie am Schnuerli-Band direkt aufs Ziel. Keine Patzer mehr durch unsere Wind-Herta. Die leicht gereffte Genua und das Gross im zweiten Reff passen gut zum Wind und Kurs.
Auch ist der mitteleuropaeische Hygienestandard wiederhergestellt – wir haben geduscht. Kein Vergnuegen mit Wind direkt aus der Antarktis. Brrr. Die Wassertemperatur hat allerdings bereits um zwei Grad zugenommen. Der kalte Meeresarm, der Gambier umschlingt, ist nach Westen abgeknickt. Genau, wie die Literatur es beschreibt. Also nur noch ein paar Meilen und wir haben wahrscheinlich wieder tropische Temperaturen an Bord.
Tag 3: 125 Meilen
Rest: 525 Meilen

Tag 1+2 nach Tahiti: Mimimi

Do/Fr.,06./07.Aug.20, Pazifik, Tag 2258/9, 20.528 sm von HH
Wir sind flott unterwegs, zeitweise rauschen wir mit sieben Knoten voran. Bereits im Atoll koennen wir Segel setzten, die Sonne scheint, ein paar Passatwolken ziehen am Himmel. In der Nacht leuchtet uns ein noch fast runder Mond den Weg. Es ist perfekt, aber an Bord hoert man nur ‚mimimi‘! Wir haben die ‚Segeln-ist-doof-an-den-ersten-beiden-Tagen-Brille‘ auf.
Das Schiff wackelt zu sehr, es ist zu anstrengend und wir schlafen zu schlecht. Gejammer und Wehklagen aus allen Rohren. Ist es noch weit? Sind wir bald da?
Und es ist zu kalt. Mimimi!
Obwohl das mit der Kaelte stimmt, muss man zu unserer Verteidigung sagen. Doppel-Fleece-Jacken plus Faserpelz-Hose plus Socken, anders ist es im Cockpit nicht auszuhalten – da kann man schon mal greinen. Der Wind kommt schraeg von hinten. Mal mit acht Knoten, mal mit zweiundzwanzig Knoten. Uns waren fuenfzehn Knoten im Durchschnitt vorhergesagt worden, aber doch nicht so. Gleichmaessig fuenfzehn Knoten, so hatten wir es bestellt. Diese harten Wechsel stellen die Windsteueranlage – Herta – vor ein Problem. Ab zwanzig Knoten fangen wir an aus dem Ruder zu laufen, luven viel zu stark an, legen uns mit Vollzeug hart auf die Backe. Extrem mimimi!
Statt traege in der Ecke zu liegen, muessen wir haendisch dem Ruder und Herta helfen. Dazu haben wir nun gar keine Lust. Schon gar nicht nachts, wenn es so richtig bitterkalt draussen ist. So hatten wir uns die Segelei nach einem halben Jahr nicht vorgestellt. Also wird getrimmt, was das Tuch hergibt: wir reffen das Gross, wir holen das Gross dicht, wir reffen mehr. Das kostet uns Geschwindigkeit. Das gefaellt uns auch nicht. Wieder mimimi. Hoffentlich ist bald Tag drei!
Tag 1: 150 Meilen (wow!) Tag 2: 124 Meilen
Rest: 650 Meilen